Linke Satire unterscheidet sich von
landläufiger Komik und Klamauk dadurch, daß
sie einen klaren und wohlüberlegten Begriff
davon hat, worüber sie sich lustig macht.
Linke Satire widmet sich den mehr oder
weniger kritikablen Zu- und Umständen, die das
Leben im Kapitalismus so spannend und
unterhaltsam machen. Sie tut dies in einer
Form, die in den Gegenständen der Kritik die
ihnen immanenten Widersprüche, Absurditäten
und Zumutungen aufspürt und der Lächerlichkeit
preisgibt, und sie ist darin sowohl destruktiv
als auch aufklärerisch, ideologiekritisch und
amoralisch.
Sie ist destruktiv, weil die Kritik ihren
Gegenstand immer seiner Existenzberechtigung
zu entkleiden versucht: das zu Kritisierende
ist nicht hinzunehmen, weil es den Ansprüchen
an ein gutes und unbeschädigtes Leben
zuwiderläuft. Satirische Kritik konzentriert
ihre Aufmerksamkeit auf die sprachliche
Destruktion eines eigentlich inakzeptablen
Zustandes und hilft dadurch Raum zu schaffen
für die Wahrnehmung von ungerechten
gesellschaftlichen Zu- und Umständen. Linke
Satire hält sich frei von jeglicher
konstruktiven Bringschuld, denn ihre Aufgabe
ist nicht das Herbeiphantasieren von
Problemlösungen oder gar von utopischen
Paradieszuständen, sondern die satirische
Entkleidung und Entzauberung von
Verhältnissen, die einem das Leben schwer
machen.
Linke Satire ist aufklärerisch, weil sie das
gesellschaftlich anerkannte und von der
Mehrheit geduldete Be- und Ausgenütztwerden
thematisiert und auf die Schippe nimmt. d.h.
sie ist aufklärerisch im Hinblick auf die
satirische Auseinandersetzung mit den Regeln
des Mitmachens bei einer Veranstaltung, die
die Gesellschaft in Nutznießer und Geschädigte
unterteilt und sie entsprechend ihrer
jeweiligen Position bevorzugt oder
benachteiligt.
Linke Satire ist ideologiekritisch, weil sie
das öffentlich-moralische Deutungs(un)wesen
kritisiert, welches dafür sorgt, daß sich die
Bürger auch ja die "richtigen" Gedanken über
die ihnen zugedachten Aufgaben, Dienste,
Rechte und Pflichten machen. Sie hilft Raum zu
schaffen für die Wahrnehmung der eigenen
Befangenheit in das System des Be- und
Ausgenütztwerdens. Sich zumindest ideell
daraus lösen zu können, setzt ein Wissen
darüber voraus, wie der ganze Zirkus erstens
überhaupt funktioniert und welche schädlichen
Wirkungen er zweitens auf den einzelnen
ausübt. Indem linke Satire die ideologischen
Voraussetzungen des Mitmachens kritisiert und
karrikiert, attackiert sie zugleich die
subtilen Abwehrhaltungen, die in der Regel die
Einsicht in ungerechte gesellschaftliche
Verhältnisse und das eigene Befangensein darin
erschweren. Linke Satire unterläuft das
Arrangement, das die Geschädigten mit den
Nutznießern eingegangen sind, indem sie der
Einsicht in die durchaus nicht gottgegebene
Ungerechtigkeit der Gesellschaft eine Tür zu
öffnen versucht.
Linke Satire ist amoralisch, den erhobenen
Zeigefinger entlarvt sie als Moment der
Unterdrückung. Den Bürgern ins Gewissen reden
zu wollen ist keinesfalls ihre Sache, das
überläßt sie lieber den kirchlichen und
sonstigen (Un-)Sinnstiftern. Der Sinn
satirischer Kritik erfüllt sich in deren
gekonntem Vollzug, d.h. in der Vermittlung und
Beförderung von Einsichten, die zu mehr
Handlungsfreiheit und Selbstbestimmung führen
können. Darin unterscheidet sie sich
grundlegend von allen jenen Ideologien, die
Glück durch die gelungene Anpassung an
vorgeblich schicksalshafte Verhältnisse
versprechen.