‚Die
Wirtschaft ist im Keller’, lautete die Radiomeldung des Tages.
‚Das
Bier auch’, dachte Herbert, schaltete das Radio ab und stieg die knarrenden
Holztreppen hinunter in das Reich des Vergessens und Verdrängens. Schon beim
Anblick der vielen vollen Bierkästen ging es ihm besser. Wenn alles bis auf
den letzten Tropfen ausgetrunken war, würde er sein Leben wieder in die Hand
nehmen und umkrempeln. Denn genau wie die Wirtschaft lag er am Boden, hatte
die Arbeit verloren und die Frau gleich mit ihr. Die Kinder lebten längst nicht
mehr zu Hause, die Katze war fortgelaufen und das, nicht ohne vorher den Kanarienvogel
getötet zu haben. Herbert war alleine. Alleine in seinem Elend, das er im Alkohol
ertränkte.
‚Plopp’,
machte der Flaschendeckel und flog davon. Mit lautem ‚Rülps’ landete die prickelnde
Flüssigkeit in Herberts Magen.
„Hey,
benimm dich!“, schallt es aus der Ecke.
Herbert
sah sich verdutzt um. Das kleine, vergitterte Kellerfenster bot nicht viel Licht.
„Gib
mir auch ein Bier und hör’ auf zu rülpsen, das ist unappetitlich!“, erklang
es wieder aus der linken Ecke, wie Herbert jetzt ausmachen konnte.
„Wer
bist du?“, fragte er ins Halbdunkel hinein.
„Ich?“,
fragte es aus der linken Ecke zurück.
Herbert,
dessen Augen sich inzwischen an das wenige Licht gewöhnt hatten, suchte nun
alle anderen Ecken ab und wandte sich wieder nach links.
„Ja,
du!“, sagte er bestimmt. Er erkannte die Umrisse eines fetten Körpers. „Oder
sind noch mehr von dir da?“, setzte er hinzu.
„Nein,
ich bin alleine“, antwortete die Gestalt und verlangte erneut ein Bier.
„Erst
wenn du mir sagst, wer du bist!“, forderte Herbert das fette Etwas auf.
„Ich?“,
fragte das fette Etwas aus der Ecke zurück, denn im Begreifen war es nicht so
schnell.
„Gib
mir eine Antwort, oder du kriegst kein Bier!“, drohte Herbert.
„Na,
ich bin’s, die Wirtschaft!!!“
„Klar!“,
sagte Herbert und reichte der Wirtschaft ein Bier. Sie sah ziemlich heruntergekommen
aus. „Sie haben es eben im Radio gesagt, du bist im Keller. Aber warum grade
in meinem?“
„Ach,
ich war schon in vielen Kellern, so ist es nicht“, seufzte die Wirtschaft und
schluckte schwerfällig, aber mit Genuss. „Zuletzt saß ich bei der Regierung
im Keller, aber da hat es mir nicht mehr gefallen. Noch schlimmer war es bei
der Opposition. Schrecklich, sage ich dir!“
Die
Wirtschaft schüttelte unmerklich den Kopf. Sie war wirklich so fett, dass es
kaum möglich war, einzelne Gliedmaßen auszumachen, geschweige denn, sie zu bewegen.
Herbert
prostete der Wirtschaft zu und bemerkte: „Da geht es uns also beiden schlecht!“
„Nicht,
so lange wir noch Bier haben!“, lachte die Wirtschaft ein fettes, ekliges Lachen.
„Wie
lange bist du denn schon hier?“, fragte Herbert, der sein erstes Bier des Tages
geleert hatte.
„Ich
bin mit deiner Bierlieferung gekommen.“
Auch
die Wirtschaft hatte die Flasche geleert. Herbert fragte sich, wie in diesen
dicken Körper überhaupt noch etwas hineinpasste.
„Du
hast es dir wirklich gut gehen lassen die letzten Jahre, was?“, stellte Herbert
mit einem Blick auf seinen letzten Besitz - die vielen Bierkästen - fest.
Tatsächlich waren schon ein paar leer, obwohl er selbst höchstens einen getrunken
hatte.
„Warum
soll ich mich nicht auch mal auf meinen Lorbeeren ausruhen dürfen?“, fragte
die Wirtschaft lethargisch und gelangweilt. „Komm’, Herbert, gib mir noch ein
Bier!“
Widerwillig
gab Herbert noch ein Bier heraus, nahm sich selbst ein weiteres und sagte resigniert:
„Prost!“
„Prost.
Auf gute alte Zeiten!“, sprach die Wirtschaft.
„Jetzt
tu bloß nicht so. Ist doch alles deine Schuld. Wenn du nicht im Keller wärst,
ginge es mir besser!“, sagte Herbert ärgerlich. Wütend fuchtelte er mit der
Bierflasche vor den Augen der Wirtschaft herum.
„Was
soll ich denn machen?“, hielt die Wirtschaft dagegen und fügte hinzu: „Ich kann
mich nicht mehr bewegen!“
„Ja,
weil du zu fett bist. Erst säufst du mir alles weg und dann beschwerst du dich
noch!“, erwiderte Herbert aufgebracht.
„Es
gab auch gute Zeiten. Ich habe in meinem Leben viel geleistet. Denk’ doch nur
an das Wirtschaftswunder, das war ich!!!“, rechtfertigte sich die Wirtschaft.
„Ganz
recht, das warst du, du bist es aber nicht mehr. Kannst du verantworten, dass
du deine Mitmenschen mit in die Tiefe reißt? Ich habe wegen dir meinen Job verloren,
meine Frau ist mit einem anderen durchgebrannt, weil sie mit keinem Arbeitslosen
zusammen sein wollte. Kannst du dir vorstellen, wie man sich da fühlt? Nicht
einmal die Haustiere sind mir geblieben!“, klagte Herbert die egoistische Wirtschaft
an.
In
der Tat bekam sie ein schlechtes Gewissen und sagte zu Herbert: „Das tut mir
leid, ich konnte ja nicht wissen, dass es so schlimm ist! Weißt du, den Politikern,
bei denen ich sonst im Keller saß, ging es persönlich trotzdem immer gut. Dass
der kleine Mann unter mir leidet, wollte ich eigentlich nicht. Ich mache dir
einen Vorschlag: Wir trinken das Bier leer und dann hilfst du mir hoch.“
Herbert
war begeistert und leerte den Rest der Flasche in einem Zug. Dann reichte er
der Wirtschaft die Hand, um ihr hochzuhelfen. Doch nichts passierte. Schweiß
rann ihr am fetten Körper herab. Unwillkürlich musste Herbert an Sumoringer
im Kampf denken.
„So
geht das nicht!“, keuchte Herbert.
„Es
tut mir leid!“, erwiderte die Wirtschaft. „Ich muss wohl im Keller bleiben.“
„Nichts
da, ich hole Hilfe!“, sagte Herbert und verließ den Keller. Zurück kam er mit
seinem Nachbarn Manfred, einem kräftigen Bauarbeiter, der sicher mehr ausrichten
konnte als Herbert, der ein einfacher Versicherungsvertreter gewesen war. Doch
auch zu zweit konnten sie den fetten Koloss keinen Meter bewegen. Manfred rief
seinen Bruder Jürgen an, der ebenfalls auf dem Bau arbeitete. Jürgen kam sofort,
brachte eine Schubkarre, seine Frau und die einen Diätplan mit. Alle Bemühungen
waren dennoch zwecklos und so rief Uschi, Jürgens Frau, ihren Fitnesstrainer
Carlos an.
Bald
waren sie eine ganz nette Runde in Herberts Keller.
„Zu
wenig Frauen!“, stellte Carlos schnell fest und orderte im Fitnesscenter zwei
Aerobic-Häschen mit Brustimplantaten aus Silicon, die zwar wenig ausrichten
konnten, aber für gute Stimmung sorgten.
Die
Wirtschaft aber war einfach nicht in Gang zu kriegen.
„Okay,
hört zu!“, brüllte Herbert in die Runde. „Wenn die Wirtschaft im Keller bleibt,
bleiben wir es eben auch! Da kann man nichts machen. Ich schlage vor, wir teilen
uns das restliche Bier und genießen das Leben, solange es noch geht!“
Und
so geschah es.
Herbert
nahm einige Flaschen und setzte sich neben die unbewegliche Wirtschaft. Manfred
und Jürgen schmissen sich die Kästen zu wie Ziegelsteine auf dem Bau. Sie beschlossen,
Uschis Anteil unter sich aufzuteilen. Carlos stemmte die Kästen wie Gewichte,
um in Form zu bleiben und um den beiden Aerobic-Häschen zu imponieren.
Als
die Männer anstießen, bewegten sich die Frauen zögerlich in Richtung Kellerausgang.
„Halt!“,
schrie Jürgen. „Uschi, du bist meine Frau, du bleibst hier!“
„Und
ihr beiden“, wandte sich Carlos an die Aerobic-Häschen, „... bleibt auch! Wenn
die Wirtschaft nicht in Schwung kommt, könnt ihr das Abbezahlen eurer Implantate
vergessen!“ Bei dem Gedanken daran, wie plötzlich die Luft entweichen würde,
musste er schallend lachen.
„Okay,
wir bleiben!“, antwortete Uschi für alle. „Aber dann wollen wir unseren Bieranteil!“
Und
so geschah es.
Es dauerte nicht
lange und aus der frustrierten Runde wurde ein fröhlicher Haufen, der sich bestens
amüsierte. Jürgen und Uschi versöhnten sich, Carlos gab Manfred eines seiner
Aerobic-Häschen ab, und Herbert trank mit der Wirtschaft auf gute alte Zeiten.
Bis ans Ende ihrer Tage hätten sie in Herberts Keller weitergefeiert, wenn nicht,
ja wenn nicht das Bier alle geworden wäre.
„Mein
Bier ist alle!“, jammerte die Wirtschaft. „Wer gibt mir eines ab?“
„Keiner!“,
antwortete Herbert. „Wir haben alle keines mehr!“
Hätte
etwas Schlimmeres passieren können?
„So,
Freunde!“, übernahm Herbert das Kommando. „Wir haben nur eine Chance: Raus aus
dem Keller, und die Wirtschaft muss mit!“
Die
Partygesellschaft nickte zustimmend, und sie entwarfen einen Plan: Manfred und
Jürgen sollten die Wirtschaft ziehen, Carlos und Herbert schieben. Die Aerobic-Häschen
erklärten sich bereit, die Männer anzufeuern. Sie stellten sich oben auf die
Kellertreppe und wippten mit ihren Implantaten. Das machten sie sehr gut. Uschi
kam sich etwas nutzlos vor und sammelte das Leergut ein.
„Und
eins und zwei“, im Takt wippten die Brüste. „Und drei und vier“, die Brüste
wippten weiter. „Und fünf und sechs“, die Implantate hielten immer noch! „Und
sieben und acht“, die Männer schielten bereits.
Bei
„Und neunzehn und zwanzig“, erklommen die ziehenden und drückenden Männer mit
der Wirtschaft in ihrer Mitte die letzten Stufen. Sie hatten es geschafft.
Und die Moral
von der Geschicht’?
Besoffen
geht es Deutschland besser!