Birgit Jennerjahn
Das Wirtschaftswunder

‚Die Wirtschaft ist im Keller’, lautete die Radiomeldung des Tages.
‚Das Bier auch’, dachte Herbert, schaltete das Radio ab und stieg die knarrenden Holztreppen hinunter in das Reich des Vergessens und Verdrängens. Schon beim Anblick der vielen vollen Bierkästen ging es ihm besser. Wenn alles bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken war, würde er sein Leben wieder in die Hand nehmen und umkrempeln. Denn genau wie die Wirtschaft lag er am Boden, hatte die Arbeit verloren und die Frau gleich mit ihr. Die Kinder lebten längst nicht mehr zu Hause, die Katze war fortgelaufen und das, nicht ohne vorher den Kanarienvogel getötet zu haben. Herbert war alleine. Alleine in seinem Elend, das er im Alkohol ertränkte.
‚Plopp’, machte der Flaschendeckel und flog davon. Mit lautem ‚Rülps’ landete die prickelnde Flüssigkeit in Herberts Magen.
„Hey, benimm dich!“, schallt es aus der Ecke.
Herbert sah sich verdutzt um. Das kleine, vergitterte Kellerfenster bot nicht viel Licht.
„Gib mir auch ein Bier und hör’ auf zu rülpsen, das ist unappetitlich!“, erklang es wieder aus der linken Ecke, wie Herbert jetzt ausmachen konnte.
„Wer bist du?“, fragte er ins Halbdunkel hinein.
„Ich?“, fragte es aus der linken Ecke zurück.
Herbert, dessen Augen sich inzwischen an das wenige Licht gewöhnt hatten, suchte nun alle anderen Ecken ab und wandte sich wieder nach links.
„Ja, du!“, sagte er bestimmt. Er erkannte die Umrisse eines fetten Körpers. „Oder sind noch mehr von dir da?“, setzte er hinzu.
„Nein, ich bin alleine“, antwortete die Gestalt und verlangte erneut ein Bier.
„Erst wenn du mir sagst, wer du bist!“, forderte Herbert das fette Etwas auf.
„Ich?“, fragte das fette Etwas aus der Ecke zurück, denn im Begreifen war es nicht so schnell.
„Gib mir eine Antwort, oder du kriegst kein Bier!“, drohte Herbert.
„Na, ich bin’s, die Wirtschaft!!!“
„Klar!“, sagte Herbert und reichte der Wirtschaft ein Bier. Sie sah ziemlich heruntergekommen aus. „Sie haben es eben im Radio gesagt, du bist im Keller. Aber warum grade in meinem?“
„Ach, ich war schon in vielen Kellern, so ist es nicht“, seufzte die Wirtschaft und schluckte schwerfällig, aber mit Genuss. „Zuletzt saß ich bei der Regierung im Keller, aber da hat es mir nicht mehr gefallen. Noch schlimmer war es bei der Opposition. Schrecklich, sage ich dir!“
Die Wirtschaft schüttelte unmerklich den Kopf. Sie war wirklich so fett, dass es kaum möglich war, einzelne Gliedmaßen auszumachen, geschweige denn, sie zu bewegen.
Herbert prostete der Wirtschaft zu und bemerkte: „Da geht es uns also beiden schlecht!“
„Nicht, so lange wir noch Bier haben!“, lachte die Wirtschaft ein fettes, ekliges Lachen.
„Wie lange bist du denn schon hier?“, fragte Herbert, der sein erstes Bier des Tages geleert hatte.
„Ich bin mit deiner Bierlieferung gekommen.“
Auch die Wirtschaft hatte die Flasche geleert. Herbert fragte sich, wie in diesen dicken Körper überhaupt noch etwas hineinpasste.
„Du hast es dir wirklich gut gehen lassen die letzten Jahre, was?“, stellte Herbert mit einem Blick auf seinen letzten Besitz - die vielen Bierkästen -  fest. Tatsächlich waren schon ein paar leer, obwohl er selbst höchstens einen getrunken hatte.
„Warum soll ich mich nicht auch mal auf meinen Lorbeeren ausruhen dürfen?“, fragte die Wirtschaft lethargisch und gelangweilt. „Komm’, Herbert, gib mir noch ein Bier!“
Widerwillig gab Herbert noch ein Bier heraus, nahm sich selbst ein weiteres und sagte resigniert: „Prost!“
„Prost. Auf gute alte Zeiten!“, sprach die Wirtschaft.
„Jetzt tu bloß nicht so. Ist doch alles deine Schuld. Wenn du nicht im Keller wärst, ginge es mir besser!“, sagte Herbert ärgerlich. Wütend fuchtelte er mit der Bierflasche vor den Augen der Wirtschaft herum.
„Was soll ich denn machen?“, hielt die Wirtschaft dagegen und fügte hinzu: „Ich kann mich nicht mehr bewegen!“
„Ja, weil du zu fett bist. Erst säufst du mir alles weg und dann beschwerst du dich noch!“, erwiderte Herbert aufgebracht.
„Es gab auch gute Zeiten. Ich habe in meinem Leben viel geleistet. Denk’ doch nur an das Wirtschaftswunder, das war ich!!!“, rechtfertigte sich die Wirtschaft.
„Ganz recht, das warst du, du bist es aber nicht mehr. Kannst du verantworten, dass du deine Mitmenschen mit in die Tiefe reißt? Ich habe wegen dir meinen Job verloren, meine Frau ist mit einem anderen durchgebrannt, weil sie mit keinem Arbeitslosen zusammen sein wollte. Kannst du dir vorstellen, wie man sich da fühlt? Nicht einmal die Haustiere sind mir geblieben!“, klagte Herbert die egoistische Wirtschaft an.
In der Tat bekam sie ein schlechtes Gewissen und sagte zu Herbert: „Das tut mir leid, ich konnte ja nicht wissen, dass es so schlimm ist! Weißt du, den Politikern, bei denen ich sonst im Keller saß, ging es persönlich trotzdem immer gut. Dass der kleine Mann unter mir leidet, wollte ich eigentlich nicht. Ich mache dir einen Vorschlag: Wir trinken das Bier leer und dann hilfst du mir hoch.“
Herbert war begeistert und leerte den Rest der Flasche in einem Zug. Dann reichte er der Wirtschaft die Hand, um ihr hochzuhelfen. Doch nichts passierte. Schweiß rann ihr am fetten Körper herab. Unwillkürlich musste Herbert an Sumoringer im Kampf denken.
„So geht das nicht!“, keuchte Herbert.
„Es tut mir leid!“, erwiderte die Wirtschaft. „Ich muss wohl im Keller bleiben.“
„Nichts da, ich hole Hilfe!“, sagte Herbert und verließ den Keller. Zurück kam er mit seinem Nachbarn Manfred, einem kräftigen Bauarbeiter, der sicher mehr ausrichten konnte als Herbert, der ein einfacher Versicherungsvertreter gewesen war. Doch auch zu zweit konnten sie den fetten Koloss keinen Meter bewegen. Manfred rief seinen Bruder Jürgen an, der ebenfalls auf dem Bau arbeitete. Jürgen kam sofort, brachte eine Schubkarre, seine Frau und die einen Diätplan mit. Alle Bemühungen waren dennoch zwecklos und so rief Uschi, Jürgens Frau, ihren Fitnesstrainer Carlos an.
Bald waren sie eine ganz nette Runde in Herberts Keller.
„Zu wenig Frauen!“, stellte Carlos schnell fest und orderte im Fitnesscenter zwei Aerobic-Häschen mit Brustimplantaten aus Silicon, die zwar wenig ausrichten konnten, aber für gute Stimmung sorgten.
Die Wirtschaft aber war einfach nicht in Gang zu kriegen.
„Okay, hört zu!“, brüllte Herbert in die Runde. „Wenn die Wirtschaft im Keller bleibt, bleiben wir es eben auch! Da kann man nichts machen. Ich schlage vor, wir teilen uns das restliche Bier und genießen das Leben, solange es noch geht!“
Und so geschah es.
Herbert nahm einige Flaschen und setzte sich neben die unbewegliche Wirtschaft. Manfred und Jürgen schmissen sich die Kästen zu wie Ziegelsteine auf dem Bau. Sie beschlossen, Uschis Anteil unter sich aufzuteilen. Carlos stemmte die Kästen wie Gewichte, um in Form zu bleiben und um den beiden Aerobic-Häschen zu imponieren.
Als die Männer anstießen, bewegten sich die Frauen zögerlich in Richtung Kellerausgang.
„Halt!“, schrie Jürgen. „Uschi, du bist meine Frau, du bleibst hier!“
„Und ihr beiden“, wandte sich Carlos an die Aerobic-Häschen, „... bleibt auch! Wenn die Wirtschaft nicht in Schwung kommt, könnt ihr das Abbezahlen eurer Implantate vergessen!“ Bei dem Gedanken daran, wie plötzlich die Luft entweichen würde, musste er schallend lachen.
„Okay, wir bleiben!“, antwortete Uschi für alle. „Aber dann wollen wir unseren Bieranteil!“
Und so geschah es.

Es dauerte nicht lange und aus der frustrierten Runde wurde ein fröhlicher Haufen, der sich bestens amüsierte. Jürgen und Uschi versöhnten sich, Carlos gab Manfred eines seiner Aerobic-Häschen ab, und Herbert trank mit der Wirtschaft auf gute alte Zeiten. Bis ans Ende ihrer Tage hätten sie in Herberts Keller weitergefeiert, wenn nicht, ja wenn nicht das Bier alle geworden wäre.
„Mein Bier ist alle!“, jammerte die Wirtschaft. „Wer gibt mir eines ab?“
„Keiner!“, antwortete Herbert. „Wir haben alle keines mehr!“
Hätte etwas Schlimmeres passieren können?
„So, Freunde!“, übernahm Herbert das Kommando. „Wir haben nur eine Chance: Raus aus dem Keller, und die Wirtschaft muss mit!“
Die Partygesellschaft nickte zustimmend, und sie entwarfen einen Plan: Manfred und Jürgen sollten die Wirtschaft ziehen, Carlos und Herbert schieben. Die Aerobic-Häschen erklärten sich bereit, die Männer anzufeuern. Sie stellten sich oben auf die Kellertreppe und wippten mit ihren Implantaten. Das machten sie sehr gut. Uschi kam sich etwas nutzlos vor und sammelte das Leergut ein.
„Und eins und zwei“, im Takt wippten die Brüste. „Und drei und vier“, die Brüste wippten weiter. „Und fünf und sechs“, die Implantate hielten immer noch! „Und sieben und acht“, die Männer schielten bereits.
Bei „Und neunzehn und zwanzig“, erklommen die ziehenden und drückenden Männer mit der Wirtschaft in ihrer Mitte die letzten Stufen. Sie hatten es geschafft.

Und die Moral von der Geschicht’?
Besoffen geht es Deutschland besser!

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