Richard
Staab
Die Rettung
Ein deutsches Weihnachtsmärchen
Schneetreiben nimmt ihnen die Sicht. Der Kanzler schlägt den Pelzkragen hoch.
Der Dichter stapft in Gedanken versunken neben ihm her. Mitglieder einer Schutztruppe
huschen in gebührender Distanz von Baum zu Baum. Der Weg führt durch Wald; er
wäre aufgrund des tagelangen Schneefalls nicht zu erkennen, hätte die Forstverwaltung
nicht beiderseits des schmalen Waldwegs im Abstand von zwei, drei Metern sichtbar
auf Augenhöhe die Bäume mit roten Scheiben markiert. So können sich die zwei
Wanderer auf den eigentlichen Zweck ihrer Zusammenkunft konzentrieren; nur stapfen,
durch Schneewehen, mitunter kniehoch, müssen sie noch selber.
Natürlich ist das Vorankommen mühsam. Aber ihr Schneestapfen abzubrechen
und in eins der beheizten First-Class-Hotels der näheren Umgebung sich chauffieren
zu lassen, fällt weder dem Kanzler noch dem Dichter ein. Dagegen steht ihr eiserner
Wille – nicht zuletzt dem verdanken es beide, auf ihrem Gebiet die absolute
Spitze erreicht zu haben. Denn dass der Dichter, mit dem sich der Kanzler hier
im Wald trifft, der in und außerhalb des Landes mit den höchsten Ehren und Preisen
versehene ist, versteht sich von selbst.
Das Schicksal der Nation steht auf dem Spiel; der Karren steckt so tief im
Dreck, dass der Kanzler entschieden hat, auch den Rat eines von der Muse Geküssten
einzuholen.
Der Dichter weiß um die Aufgabe, schweigt jedoch seit zehn Minuten.
Endlich bricht es aus ihm heraus, die Eiszapfen in seinem Schnurrbart zittern:
„Mehr Licht!“
„Wie?“ Der Stirnfalte des Kanzlers ist anzusehen, dass dieser nicht begreift,
doch der Dichter reagiert nicht, weshalb der Kanzler aufs Geratewohl assoziiert:
„EON? Schwarzenegger? Kalifornien?“
„Goethe!“, korrigiert der Dichter. „Verstehen Sie: ’Mehr Licht!’, die letzten
Worte des Meisters auf dem Sterbebett! Darin liegt die Lösung!“
Der Kanzler, ratlos, schweigt, der Dichter versucht es mit neuen Worten:
„Dunkel, finster, schwarz sind Tod und Verderben! Niedergang und winterliche
Depression! Eiszeit, die alles Leben vernichtet! Unser Land dagegen braucht
Wärme, Sonne! Wahrheit! Licht! Verstehen Sie, Goethes Worte: ‚Mehr Licht!’ Mehr
Wahrheit!“
Der Kanzler brummt, der Dichter, ermuntert, kommt in Fahrt; als er mit dem
rechten Stiefelabsatz auf Glatteis tritt und unversehens nach hinten rutscht,
klammert er sich an den Mantel des Kanzlers: „Ein anderes Beispiel: Nehmen Sie
unsere Fahne: Schwarz – Rot – Gold. Auch da ist die Lösung längst ausgesprochen!
Schwarz ist der Tod! Dem entgehen wir nur durch Kampf und glühend roten Mut:
Mut, durch ein Tal der Tränen zu gehen, Mut, Opfer zu bringen, Blut zu vergießen,
bis es spritzt!“
Von den eigenen Metaphern berauscht, streckt der Dichter die Linke zum Himmel,
fuchtelt mit der Rechten vor des Kanzlers Nase.
„Schonungslose Aktion, bis es weh tut, Reform bis aufs Blut! Nur über diesen
roten Scheideweg gelangen wir nach oben – vom Schwarz ins Gold!“
Kanzler und Dichter bleiben in einem Schneehaufen stecken, als der Dichter
dem Kanzler erneut zu nahe an den Pelzkragen rückt. Mit einem Ruck befreit sich
der Kanzler von des Dichters Zudringlichkeit. Der aber kennt kein Halten, packt
den Kanzler nun am Schal, den jener zum Schutz vor der Kälte eng um den Hals
gewickelt hat: „Und Sie! Sie! Herr Bundeskanzler! Sie machen doch mit beim Runterziehen!
Grau! Tristesse!“ Heftig reißt der Dichter an dem Stoff, der aus des Kanzlers
Mantel lugt. „Ist das Zukunft!? Ein graukarierter Schal! Wo ist da Farbe! Licht!
Zuversicht …“
Schüsse fallen. Dann Totenstille. Die Hand des Dichters gleitet vom Schal
des Kanzlers, kraftlos sackt sein Körper in den Schnee. Ein letzter Hauch, kaum
hörbar: „ …Licht!“
Was tun? Die Schutztruppe hat geschossen, ihr Kommandeur die Erregtheit des
Dichters aus der Entfernung als einen Angriff auf das Staatsoberhaupt interpretiert.
Ein Skandal aber muss unter allen Umständen vermieden werden, die Offenlegung
der Fehldeutung wäre nur ein weiterer Sargnagel für das Ansehen des deutschen
Staats. Ohne dass dem Dichter geholfen wäre! Folglich wird über die Medien die
Meldung lanciert, dieser sei auf einem einsamen Waldspaziergang Opfer eines
vermutlich terroristisch motivierten Anschlags geworden. Weltweit laufen Telegramme
ein. Auch die Bundesregierung äußert Abscheu, Betroffenheit. Einhellig ist man
der Meinung, nun müsse ein Ruck durch das Land gehen.
Eine Komplikation ist, dass der Dichter die Kugeln überlebt hat. Im Sicherheitstrakt
einer Spezialklinik erwacht er, linker Arm und rechtes Bein amputiert, aus der
Narkose. Ein Blütenmeer aus schwarzen, roten, gelben Rosen um ihn herum. Und
haufenweise Zeitungen, die den feigen Anschlag unbekannter Attentäter auf ihn
zum Thema haben. Der Dichter begreift – und ihn packt Entsetzen, dann Wut. Schonungslos
will er aufklären, das Gespinst von Verrat und Lüge zerreißen!
Doch die Narkose lässt nach, sein Geist nimmt wieder Vernunft an, und er
erinnert sich seiner Worte, dass Opfer zu bringen seien auf dem Weg hin zum
Licht. Da opfert er seine Wahrheit, die, wie er glaubt, nur das Allerheiligste,
den Staat, in den Grundfesten erschüttern würde, zugunsten der, zu der sich
die Regierung durchgerungen hat. Und er beschließt, dem Kanzler zuallererst
für das Mitgefühl der Regierung mit ihm zu danken.
Nachtrag und Selbstkritik
Des deutschen Weihnachtsmärchens zweiter Teil
Zugegeben, auch ich bin eitel, und alles weitere dient meiner eigenen Ehrenrettung:
Der Fehler des Märchens wurde mir, kaum hatte ich es zu Ende geschrieben, selber
bewusst. Trotzdem: Meiner Frau kostete es ein hartes Stück Arbeit, bis sie mich
soweit hatte, meinen Irrtum mit folgendem Nachtrag auch öffentlich einzugestehen:
„Die Rettung“ stimmt bis zu dem Punkt, an dem Leibwächter den Dichter niederschießen.
Dass unsere staatlichen Organe, an Arm und Bein amputiert und sicher auch sonst
ziemlich lädiert, das Opfer ihres Irrtums in einem Krankenhaus, egal ob in einer
offenen oder in einer Sicherheitsabteilung, dann aber noch einmal aufwachen
– im Klartext: den Dichter am Leben – ließen, diese Vorstellung ist schon sehr
an den Haaren herbeigezogen. Und sie zeigt in erster Linie meine eigene Naivität!
Man muss kein Experte staatlichen Handelns sein, auch kein Liebhaber jener Berichte,
die in den Vereinigten Staaten von Amerika unter dem Generaltitel „Government
denies knowledge“ kursieren, und schon gar nicht muss man Sympathien für staatsfeindliche
Umtriebe hegen – um zu wissen, wie die Wirklichkeit wirklich aussähe, nämlich
anders. Der gelegentliche Konsum eines x-beliebigen Fernseh- oder Kinofilms
aus dem In- und Ausland genügt vollauf. Ich versichere Ihnen: Jedes deutsche
Schulkind könnte grausamer, detaillierter und vor allem realistischer erzählen,
was nach dem Niederschießen des Dichters im Wald wirklich geschähe.
Im allerersten Moment wäre der Kanzler entsetzt. Vielleicht stünde er sogar
unter Schock, erwiese sich gar nicht als so hart im Nehmen, wie es sein Amt
als Führer der Nation erfordert, zumindest nach Ansicht der Mehrheit in unserem
Volke. Er sähe das Blut, das den Schnee rot färbte. Sähe den Körper des Dichters
im Blut liegen. Ob er sich zu dem Niedergeschossenen hinunterbeugte? Wir werden
es nie erfahren. Denn zu allem entschlossene Hände würden den Kanzler am Arm
packen und wegführen. „Kommen Sie, Herr Bundeskanzler, das brauchen Sie nicht
sehen, das müssen Sie nicht wissen“, so oder ähnlich wären die Worte, die in
des Kanzlers Ohren dröhnten, während er sich von Sicherheitsberatern in einen
am Waldesrand bereitstehenden Hubschrauber verfrachten ließe. Oder in eine gut
geheizte, gepanzerte Limousine. Geschützt von anderen gepanzerten Limousinen.
Was den Dichter beträfe, würde man feststellen, dass er noch atmete und gäbe
ihm den Fangschuss, noch am Tatort, zur Sicherheit. Es sei denn, man wollte
eine unnötig hohe Zahl an Zeugen unter der Schutztruppe vermeiden; dann stürbe
der Dichter nach seinem Abtransport. Nur die öffentliche Erklärung und das nachfolgende
Tamtam im Blätterwald und auf allen Kanälen blieben wie in meinem Märchen: Der
Dichter sei einem feigen Anschlag erlegen. Man müsse noch näher zusammenzurücken.
Gegen diesen Angriff auf unsere höchsten Werte! Der Dichter wäre stellvertretend
für uns alle gestorben! Auf der Totenfeier in einem Dom, vom Fernsehen übertragen,
hielte der Kanzler persönlich die Trauerrede. Und man initiierte eine Stiftung,
ausgestattet mit öffentlichen Geldern; die Stiftung erhielte den Namen des Dichters
und würde sich fortan der weltweiten Förderung von Kultur und Humanität widmen.
Und selbstverständlich auch der Völkerverständigung.
Ich weiß, ziemlich dröge, auch irgendwie abschreckend, so ein Ende. Vor allem:
Auch wenn es realistischer wäre – es wäre nicht länger ein Märchen!