Wolfdietrich Jost
Die verlorene Ehre des Murat Kurnaz

(Offizieller Abschlussbericht des BNDAusschusses des Deutschen Bundestages)

Über den Fall Kurnaz redet und schreibt ja jetzt jeder. Als ob es da einen Fall gäbe, höchstens den Fall des richtigen Verhaltens unserer Politiker und Sicherheitsbehörden.
Doch jenseits von Partei– und Presserummel sollte man einmal einige Punkte von höherer Warte zusammenfassen.
Zunächst: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das steht ja schließlich in irgendsoeinem Dokument. Aber wie das so ist – schon bei der Gleichheit in unserer Gesellschaft –, da sind einige gleicher als gleich, und so ist das auch mit der Unantastbarkeit der Würde. Da sind einige eben unantastbarer als unantastbar, zum Beispiel unser Außenminister. Das sagen in Berlin alle – auf die es ankommt. So steht es in „BILD“ und auch im „Vorwärts“. Wer hätte das gedacht: „BILD“ und „Vorwärts“ gemeinsam in einem Boot mit Kurs auf die Antastbarkeit der Würde des Murat Kurnaz. Überhaupt, die SPD-Brüder marschieren auch in diesem Fall mal wieder zur Sonne, zur Freiheit – der Unterstellung. Thomas Oppermann, der SPD-Obmann im Untersuchungsausschuss des Bundestages zum BND, opfert bei den Anhörungen die Ehre des Murat Kurnaz auf dem Altar des Parteiapparates und das Parteigewissen der SPD gleich mit. Dafür hat ihm die Partei ja auch zum Ehrenapparatschik ernannt und ihm überdies noch den Ehrentitel Opfermann verliehen; und als Thomas Opfermann vertritt er jetzt in der SPD die Filbinger-Philosophie: Wer 2002 verdächtig war, kann 2005 oder 2006 nicht unverdächtig sein, da können Gerichte doch sagen, was sie wollen, wie zum Beispiel die amerikanische Bundesrichterin Joyce Hens Green, die im Januar 2005 alle Vorwürfe gegen Kurnaz verworfen hat. Einmal verdächtig, immer verdächtig. Für diese Filbinger–Maxime suchen Fraktionschef Struck und Parteichef Beck weitere willige Vollstrecker in der SPD oder, wie sie es in der Sprache des globalisierten Sozialismus ausdrücken, „willing executioners“. Hauptvollstrecker bei der Ehrenrettung des Genossen Außenministers ist natürlich Exkanzler Gerhard. Auf den ist immer Verlass. Aus dem Volker Kauder-Welsch der CDU kann man zwar Hinweise auf rechtliche Unklarheiten heraushören. Doch Schröder sagt, dass alles rechtens war, und Schröder ist fürwahr ein – lupenreiner Mann: sagt Putin.
Doch man muss sich schon aus den Niederungen des Parteiunlebens auf eine wirklich höhere Warte begeben, um die Wahrheit im Fall Kurnaz zu erfassen. Von dem jüdisch-griechischen Denker Philo ist der Ausspruch überliefert: „Was kann das für eine Ehre sein, wenn die Wahrheit nicht dabei ist“. Richtig, auf die Wahrheit kommt es an. Da sind Verfassungsschutz und Geheimdienst gefragt, denn wer kann schon so genau hinsehen und hinhören wie die, mit Telefonüberwachung, Lauschangriff und Online-Computerzugriff. Und auf diese Überwachungswahrheit kommt es doch wohl an. Dagegen sind wir Normalbürger doch nur Wahrheitsvermuter ohne Durchblick und haben nur unser Gewissen, mehr aber nicht; und das Gewissen ist in der Sprache von BND und Verfassungsschutz ein Nullum, also sicherheitspolitisch ein Verhaltensmuster ohne Wert. Und überhaupt ist der Kurnaz unglaubwürdig, wie unser Otto erklärt hat. Otto? – Ach so, natürlich der Schily; der muss es ja wissen, bei dem ist die Wahrheit noch immer in seinem security net hängen geblieben. Die Innenminister, der alte wie der neue, die haben schon recht: Der Sicherheit in Deutschland darf kein Grundrecht im Wege stehen. Doch was sieht man? Das deutsche Rechtssystem schwächelt. Stellt doch die Bremer Staatsanwaltschaft im Oktober 2006 die Ermittlungen gegen Kurnaz mangels Tatverdacht ein; und aus Sicht der Bundesanwaltschaft bestand seinerzeit nicht einmal ein Anfangsverdacht. Soweit ist es also schon gekommen. Auf die Karlsruher konnte man sich früher wenigstens noch verlassen. An der Unschuld von Kurnaz bestünden keine Zweifel – sagen die Anwaltschaften.
Ja, aber der Weg von der Unschuld zum Anstand der Entschuldigung, der ist in Deutschland für Minister und Regierungsvertreter weit, in der causa Kurnaz wohl zu weit.
Aber es kommt ja noch schlimmer. Der Virus der Unantastbarkeit hat schon unsere Geheimdienste befallen. Die Vertreter von Verfassungsschutz und BND, die Kurnaz in Guantanamo befragt haben, fanden keine Kontakte zu Taliban oder Al Quaeda und meinten wahrhaftig, der Kurnaz stelle kein Gefährdungspotential dar. Ja zum Teufel, wo haben die denn ihr Handwerk gelernt? Wenn es schon soweit gekommen ist, dann ist jenseits des normalen Rechtsempfindens von dir und mir das außerrechtliche Rechtsempfinden deutscher Sicherheitspolitik gefragt. Nur einige, kleinkarierte Rechtsausleger, unter Anführung liberaler Blätter aus München und Hamburg, sehen darin eine contradictio in iure. Das Gegenteil ist der Fall. Unter Anleitung des CIA haben unsere Verfassungsschützer das Verfahren der extraordinary suspicions entwickelt: Die Konstruktion von Verdachtsmomenten, wo keine sind. Das hat sich im Fall Kurnaz schon bestens bewährt. Zwei unserer Geheimdienstpräsidenten – nennen wir sie Lüding und Sträubleder, denn unsere Geheimdienstler müssen ja anonym bleiben – haben den entscheidenden Grundsatz für dieses Verfahren geprägt: Nicht der Verdächtiger, der Verdächtigte ist schuldig. Aber man soll es nicht glauben, es gibt doch wirklich noch, trotz der Schily-Schäuble-Verhökerung von Menschenrechten, Rechtsexoten in unserem Land, die uns Kanada als Vorbild hinstellen wollen. Dort hat sich Regierungschef Stephen Harper ausdrücklich bei Mahat Arar entschuldigt. Dieser Arar ist aufgrund gefälschter Angaben des kanadischen Geheimdienstes vom CIA nach Syrien verschleppt und dort grausam gefoltert worden. Und dem haben sie dann wahrhaftig auch noch 10½ Millionen kanadische Dollar Entschädigung gezahlt. Damit kann man nun wirklich keine Ehre für sein Land einlegen. Doch was verstehen diese kanadischen Holzfäller und Fallensteller aus Manitoba oder Saskatchewan oder weiß-der-kanadische-Braunbär-woher schon von unserer hochentwickelten deutschen Rechtskultur. Nichts. Und von Anstand und Ehre schon gar nichts. Entschuldigung und 10 ½ Mille, also von welchem Ehrenwahn sind die denn eigentlich befallen worden? Das ist doch nicht normal.
Da kann man wirklich nur noch von der Bush-Regierung lernen. Obwohl eine unabhängige Unter–suchungskommission bei Mahat Arar nicht die Spur einer Verbindung zum Terrorismus gefunden hat, zählt ihn die Bush-Regierung immer noch zu den Terrorverdächtigen und führt ihn weiterhin in ihren Verdachtslisten. Das ist richtige rechte Politik, an der wir uns in Deutschland orientieren sollten, denn von Bush lernen, heißt Menschenrechte besiegen lernen.
Da ist es doch schon beruhigend, wer sich alles im Fall Kurnaz für die Ehrenrettung unserer Minister, staatlichen Behörden und des Verfassungsschutzes stark macht.
An vorderster Front natürlich wieder der Otto, der eine Entschuldigung kategorisch abgelehnt hat. Für diese richtige und aufrichtige Haltung ist dem Dr. Schily im Zuge des Bologna-Prozesses zur Hochschulreform und der Hochschulabschlüsse der MA ehrenhalber verliehen worden. MA? Ach so: Magister Arrogantiae, aber diesmal nicht nur ehrenhalber verliehen, sondern diesmal gleich auch wirklichkeitshalber. Und eine solche Ehre verpflichtet, jede Verpflichtung zu vergessen und jeden menschlichen Anstand sowieso. Doch diese Anstandsdefizite lassen sich leicht überspielen. So hat der Dr. Otto Schily, MA, in der commedia della veritatis des Bundestagsauschusses die Rolle des Verantwortungskomödianten übernommen; und diese Rolle gibt er ausgezeichnet, sagen in Berlin alle – auf die es ankommt.
Also: Keine Versäumnisse, keine Fehler, keine Schuld, nirgendwo, nur, wie immer, ein reines deutsches Gewissen, überall, und selbstverständlich Ehrenerklärungen für unsere Sicherheitsverantwortlichen. Übrigens, stand da nicht in der feierlich verabschiedeten „Berliner Erklärung“ zum 50jährigen Europa-Geburtstag auch der Satz: „Für uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Seine Würde ist unantastbar“. Richtig, aber von deutscher Seite ist noch der folgende Zusatz in der „Berliner Erklärung“ durchgesetzt worden: „Das gilt nicht für Murat Kurnaz“.
Das müssen wir eben noch lernen. Die deutsche Geschichte wird von den Ottonen geprägt, von Otto, dem Großen, Kaiser aus deutscher Vergangenheit, und Otto, dem Verantwortungsgroßen aus deutscher Gegenwart.
Es ist schon eine sehr ehrenwerte Gesellschaft, der man in Deutschland die Sicherheitspolitik anvertraut hat. Und das Fazit des Außenministers nach seiner Anhörung: Welche Ehre, von solchen Ehrenmännern verteidigt zu werden.
Soviel Ehre in Deutschland, nur nicht für Murat Kurnaz.

(Berichterstatter: Lobo Wolk)

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