"Der Angeklagte besitzt keine Moral!" Kawuttke zuckt zusammen. Der Staatsanwalt fährt fort. "Seine gesamte asoziale Laufbahn ist von Unmoral gekennzeichnet!"
Es kommt Schlag auf Schlag. Kawuttke weiß nichts zu antworten. Logisch! Der Mann in der schwarzen Robe hat ja Recht. Mit Walter Kawuttke war es bergab gegangen. Stück für Stück. Die Urteilsbegründung bestätigt schließlich Tiefe und Schwere von Kawuttkes unmoralischen Handlungen. Seinem Vater hatte Kawuttke die Fresse poliert, nur weil der im Suff öfters mal Tochter Babsi untern Rock gegriffen und Ehefrau Karin blaue Veilchen um die Augen verpasst hatte. Diese läppischen Familien-Querelen waren noch lange kein Grund, erst den Vater Krankenhaus reif zu prügeln und dann von der Bundeswehr zu desertieren. Aber danach ging's erst richtig los: Auf der Flucht Schwarzfahrt bei der Deutschen Bahn. Frech im Klo eingeschlossen! Von wegen kein Geld. Lächerlich! Dann dreimal Ladendiebstahl (darunter vierhundert Gramm hochwertigen gekochten Schinken; - eine einfache Fleischwurst war Kawuttke nicht gut genug, unverschämt musste es gleich gekochter Schinken sein!) und zweimal die Zeche geprellt. (Einmal ein Wienerschnitzel mit Salat im gutbürgerlichen Gasthof Zum Ochsen im Luftkurort Unterschwalming, einmal in Ali Babas Döner-Kebab-Schnellrestaurant in Stuttgart-Untertürkheim). Schamlos bestellt, unverschämt drauflos gemampft und dann über's Toilettenfenster die Fliege gemacht.
Deutlich kriminelle Energie!
Der
Schaden immerhin Vierundfünfzigachtzig!
Von wegen "Hunger gehabt". Billige Ausrede! Schutzbehauptung! "Wenn jeder auf solche Mittel zurück greifen würde", resümiert der Staatsanwalt, "wäre das Rechtssystem unseres demokratischen Rechtsstaates gefährdet! Das moralische und soziale Zusammenleben in unserer Gemeinschaft wird von Menschen wie Walter Kawuttke in Frage gestellt, ja sogar ad absurdum geführt!" Mit dem darauf folgenden Autoklau und Fahren ohne Führerschein war die kriminelle Energie des Walter Kawuttke nicht erschöpft. (Statt die Flucht fortzusetzen, hätte er sich besser gleich der Polizei stellen sollen!). Er muss auch noch einen Scheck über eintausend Mark fälschen (davon hat er sich modernste Winterklamotten und einen Schlafsack gekauft, womit seine weitere asoziale Herumtreiberei überhaupt erst ermöglicht wurde) und zum Übernachten in die Gartenhütte des Eisenbahners Emil Eichberg einbrechen, bevor ihn die Polizei im Schlaf überrascht, dann in einer halsbrecherischen Verfolgungsfahrt in den Schrebergärten stellt, endlich der Justiz übergibt und somit unsere Gesellschaft vor weiteren Übeltaten des Walter Kawuttke beschützt. "Mit dieser Strafe soll eine abschreckende Signalwirkung gegeben werden!" erklärt der Richter. "Wer sich wie der Angeklagte außerhalb unserer moralischen Grundbegriffe stellt, muss die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommen!" Beifälliges Nicken im Zuschauerraum. Nur vereinzelt skeptische Gesichtszüge.
Die Zellentür wird zugeschlagen. Mittelalterlich dumpf krachen die Riegel in die Scharniere. Beamtenschritte entfernen sich federnd.
Dreimal zwei Meter für Kawuttke. Ein klappbares Bettgestell. Tisch. Schemel. In der Ecke das Scheißhaus. Der Lichtstrahl aus dem Bunkerfenster lässt die Staubwirbel tanzen. Kawuttke lässt sich auf die Pritsche fallen. Sieben Monate! Wenn er hier raus kommt, hat er fünftausend Mark Schulden, Schadenersatz und Gerichtskosten. Keine Arbeit. Keine Freunde. Keine Wohnung. Moral hat ihren Preis und Strafe muss sein. Nur so kann eine demokratische Gesellschaft funktionieren.
Zwischen der Arbeit (Kawuttke leimt Kinderspielzeug aus vorgefertigten Holzteilen zusammen, für Acht Mark pro Tag, Kost und Logis werden abgezogen, den Rest bekommt er bei der Entlassung als Startkapital ausbezahlt), also zwischen Arbeit und Zelleneinschluss hat Walter Kawuttke Zeit zum Lesen.
Lesen bildet!
Kawuttke liest Zeitungen und Wochen-Magazine. Statt Bild und Super-Illu jetzt TAZ und FAZ und Spiegel. Dazu hatte er früher, draußen, weder Zeit noch Bock. Jetzt prägt sich Zeile für Zeile in Kawuttkes Zellen ein. Er schneidet die Artikel aus. Sammelt sie. Liest sie immer wieder. Mensch, Keule; - spannender als Tatort...
Da mogeln Großbanken - sonst Sittenwächter und Abzocker kleiner Gehaltskonten - clever ein paar Millionen in die Geldwäsche. Luxemburg. Schweiz. Bahamas. Wörldweit Bizziness! Manager setzen gezielt eine Firma in den Bankrott und dreitausend Beschäftigte auf die Straße. Deshalb denkt der naive Kawuttke in seinem verwirrten Kopf: "Wieso dürfen die um Millionen betrügen und landen auf einem Chefsessel, und ich mit meinen paar Mark lande im Knast?!"
Falsch, lieber Kawuttke!
Das
siehst du aus völlig schiefem Blickwinkel!
Das ist kein Betrug, sondern Neuer Markt und Globalisierung. Outsourcing ist kein Straftatbestand und Aktien-Spekulation schon überhaupt nicht. Ein Bundeskanzler belügt das Parlament; das darf der, denn er ist immun! Immunität, lieber Kawuttke, das ist wie beim Schutz vor ansteckenden Krankheiten. Ehrenwort! Seine Mit-Christen haben Schmiergeld (man nennt es auch diskret Parteispende), schlappe paar Millionen, an Gesetz und Steuer vorbei auf schwarze Auslandskonten jongliert; als sie 41 Millionen zurück zahlen sollen, werden sie vom Verwaltungsgericht davon bewahrt. Logisch. Sonst wäre die Chancengleichheit bei der Wählerverdummung nicht gewahrt. Und die ist vom Grundgesetz geschützt. Das musst du nur alles vom richtigen Blickwinkel sehen, mein lieber Kawuttke!
Korruption, Schmiergeldzahlung, illegale Waffengeschäfte mit Spitzenprovisionen, die Bomben töten Menschen, aber das ist kein Mord, sondern ethnische Säuberung und staatsmännisch-verantwortungsbewusstes Handeln, zumal die Aktienkurse steigen und die Börse jubelt und die Ölquellen sprießen (schau dir doch mal die Kursgewinne an, wenn irgendwo ein Krieg ausbricht; klick' doch mal von Big-Brother auf Big-Bissness), spätestens bei diesem Argument hört jede Kritik auf.
Kapito Kawuttke?
Atommüll wird verscherbelt, ein Fraktionsvorsitzender des Betruges überführt, ein Parteifreund des Ministers als Steuersünder, auch keine Kleckerbeträge sondern - wenn schon- denn schon -, gleich zig Millionen. Schweinepest und BSE-Krise, Futtermittelskandal, giftgespritztes Fleisch, Radar- und Uranverseuchung von Soldaten, die fallen tot vom Himmel oder verrecken an Leukämie; da kann es keine persönliche Verantwortlichkeit geben - das ist höhere Gewalt, das sind Sachzwänge! Gott, oder Allah oder weiß der Geier welcher ungreifbare Allmächtige hat hier die Hand im Spiel. Dafür kann man doch niemand persönlich haftbar machen und ins Gefängnis stecken!
Na schön! Einige treten zurück ("Persönlich habe ich mir nichts vorzuwerfen, aber aus Gründen der Staatsraison...und um Schaden von meiner Partei abzuwenden...!") und fallen - nach einer Schamfrist - zwei gepolsterte Etagen höher. Andere propagieren die deutsche Leitkultur und machen Neo-Nazis salonfähig, während sie sich beim Bundespresseball mit Sekt und Kaviar aus Steuergeldern moralinsauere Intrigen zulächeln, den Fächer noch schamhaft vorm Dekolleté und das Schlachtmesser schon schamlos unterm Dinner-Jacket. Heuchelei ist nicht strafbar, sondern ein Gesellschaftsspiel wie Monopoly. Worte wie Ehre, Vaterland, Ethik, verdienstvoll, Ehrenwort und Globale Interessen schwelgen durch Presse-Erklärungen wie miese Büttenreden zwischen besoffenen Karnevalisten, mit glänzenden Augen aufgenommen und wie der letzte Schrei beklatscht. Alaaf und Helau die Moral! Schau's dir doch im Fernsehen an. Nicht nur zwischen Elftem Elften und Aschermittwoch. Jede Tagesschau liefert solche Lachbomben täglich; eigentlich müsste man sich bepissen...
Lieber Walter Kawuttke!
Beschwer'
dich nicht und halt' die Schnauze! Für Großes hast du keinen Stil! Dazu bist
du zu dumm! Wer sich wie du mit Kleckerkram abgibt, ist es nicht wert, in gehobenen
Positionen unserer Gesellschaft zu sitzen und Richtung und Moral zu bestimmen.
Die kleinkarierte Dummheit der vielen tausend Kawuttkes gehört doppelt bestraft!
Kreuzigt Kawuttke! Ab in den Kerker und den Löwen zum Fraß! Freiheit für Barabas!
Er soll uns führen!
Walter Kawuttke kommt sich schäbig und klein vor. Er ist ein Versager! Ein
unmoralischer und asozialer Versager! Wie der letzte Arsch. Solche Ärsche muss
man wegschließen oder entsorgen. Wenn der Adolf noch...
Walter
Kawuttke liegt gekrümmt auf seiner Pritsche. Wie ein Häufchen Elend hat er die
Hände hilflos und zugleich schützend um den Kopf geschlungen. Kawuttke hat Angst
vor der Zukunft. Aber langsam beginnt er nachzudenken. In einer Gefängniszelle
ist Zeit zum Nachdenken. Um die Unmoralischen zur Einsicht zu bringen, dafür
sind Gefängnisse schließlich da. Wegen der Moral...