Eine Freundin von mir sagte mal, es ist lange her: „Sie töten jetzt alles,
was fährt.“ Der Hauptfeind des Seßhaften ist der Mobile. Wer seßhaft ist, ist
angreifbar. Wer nicht seßhaft ist, ist es nicht. Darum beneidet der Seßhafte
den Mobilen. Hast du ein Haus, kann man bei dir einbrechen. Hast du einen Wohnsitz,
weiß Hinz und Kunz, vor allem aber die Polizei, wo sie dich finden kann. Man
kann dir Mahnbescheide zuschicken, dich im home sweet home abholen und z.B.
in den Knast stecken, wenn du nicht zahlst oder dich nicht gut benommen hast.
Mit den Mobilen kann man das nicht so einfach. Obwohl mobil sicher nicht gleich
mobil ist: Ob der Freie-Fahrt-für-freie-Bürger, der mit 240 über die Autobahn
rast, tatsächlich weniger greifbar ist als mein seßhafter Opa auf der Parkbank
– herrlich dies Bild und seine Rente! – überlege ich noch.
Aber herumzuziehen und zum Lieblingssatz zu haben:
„Danke für den Bericht aus New York, wir schalten jetzt um nach Hamburg“ ist
schon eines der besten Rezepte, um sich von den Niederungen des kapitalistisch
geregelten Lebens nicht erwischen zu lassen. Das wissen wir nämlich: Die ersten
drei Wochen in der neuen Wohnung sind immer die schönsten. Da kennst du Frau
Zangerl noch nicht; aber wenn du in der vierten Woche nicht bereits wieder umgezogen
bist, lernst du sie kennen, ganz bestimmt, weil du nämlich a) dein Fahrrad schon
dreimal falsch abgestellt, b) deine Wäsche seit dem Einzug auf dem Balkon getrocknet
und c) und d) hast. Das erste halbe Jahr in der neuen Stadt ist auch immer das
schönste: Fändest du die Stadt nämlich nicht schön, zumindest nicht am Anfang,
wärst du ja nicht hingezogen. Und solltest du nun wirklich ausnahmsweise einmal
gemußt haben, na ja, ein neuer Anfang kann doch nie schaden. Neue Szene, neuer
Job, neue Freunde ... komm mir also nicht mit Einsamkeit; wer sich abhängig
von anderen macht, versteht eh nix von Selbstschutz.
Und wenn „öfter mal ’ne neue Stadt“ nicht zieht, weil
alle Optionen ausgelutscht sind, upgradest du auf „öfter mal ’n neues Land“.
Nimm mich: 1998 bin ich nach China, ohne ein einziges chinesisches Zeichen zu
können. Beijing, dreizehn Millionen Einwohner: Neue Szene, neuer Job, neue Freunde.
Und neues Essen. Endlich mal wirklich chinesisch. Außerdem spottbilliges Bier,
so daß man sich für mindestens ein halbes Jahr durch alle sprießenden Bars im
Chaoyang Distrikt trinken und dann in einer der schätzungsweise 10.000 Garküchen
der Stadt gründlich sattessen konnte. Wenn Beijing-, Sichuan- und Kantonesische
Küche endlich langweilig geworden sind, begeht man zuerst ein bißchen Landesverrat
und kehrt bei den Japanern ein (50% billiger im Vergleich zu denen in Good Old
Germany), wartet klammheimlich aber schon darauf, daß 1999 die a) erste echt
italienische Pizzeria, b) das erste arabische und c) das erste russische Restaurant
aufmachen.
Abgesehen vom ständigen Umhergeziehe ist nämlich auch
Essen ein hervorragender Selbstschutz. Am Tisch wird sich nur selten geschlagen,
sondern hier finden alle zusammen. Ob ich mich in Beijing genau deswegen so
sicher gefühlt habe, weil das Essen in dieser Stadt die Hauptkultur bildet,
überlege ich aber noch. Sicher ist jedenfalls, daß ich alle kritischen Hinterfrager,
die angesichts der „Invasion ausländischer Küchen“ in die chinesische Hauptstadt
vom Kampf der Kulturen zu reden begannen, immer leicht mit dem Hinweis abschmettern
konnte, sie sollten doch bitte ins Paulaner Bräuhaus im Lufthansa Center gehen,
wo chinesische Teens in Dirndln servieren und chinesische Topmanager die Maßkrüge
in den roten Himmel heben – und dann sollten sie sich ehrlich mal fragen, ob
hier, wo das Lachen von einem Ohrläppchen bis zum anderen reicht, das irdische
Glück nicht zu Hause ist.
Bis mir ein deutscher Top-Manager in ebendiesem Bräuhaus
sagte: „Anderhandt, wenn Sie jenseits der Vierzig noch so weitermachen mit Ihrem
Umhergeziehe, dann sind Sie mit sechzig ein Exot. Sie versteht dann keiner mehr.“
Kalt erwischt, sage ich da – aber macht nichts. Inzwischen
lebe ich in Sydney, schlürfe Austern, futtere tasmanischen Lachs und lasse meinen
Blick über die Harbour Bridge und den Circular Quai schweifen. Woanders redet
man längst nicht mehr von Globalisierung, aber in diesem einen Punkt leiste
ich es mir, bei der Stange zu bleiben. Selbstschutz: Der moderne Australier
ist Chinese wie Japaner wie Italiener wie Grieche oder Deutscher, er ist irischer
Abstammung oder englischer oder asiatischer – oder ein Mix aus allem zusammen.
Er ist protestantisch, muslimisch, buddhistisch, katholisch, nach allen Seiten
offen und genau deswegen nicht ganz dicht. Ich nenne es australische Minima
Moralia: Wer sich in diesem Gewusel von Identitäten zu wichtig nimmt und auf
einem fixen Standpunkt beharrt, der wird von den anderen so lange auf die Schippe
genommen, bis er entweder ins schallende Gelächter oder in die Krise abstürzt.
Komm, Seßhafter: Wenn du nicht so genau weißt, wer
du bist, mußt du auch nicht mehr so viel von dir schützen. Vermeintlich Wertvolles,
tatsächlich Wertloses. Seßhafter, sei nicht neidisch, Neid verdirbt den Appetit.
Überleben im Kapitalismus heißt: Gut essen und spätestens alle drei Jahre umziehen.
Besser glaub mir.