Das Leben in dieser Stadt ist wunderschön. Auch der Stadtteil, in
dem ich wohne, ist wunderschön. Die Häuser sind hundert und mehr Jahre alt und
stehen in Zweierreihen hintereinander, und zwischen den Häuserreihen liegen
voneinander abgetrennte Hinterhöfe. Auch diese Hinterhöfe sind meist wunderschön.
Die reinste Idylle sind sie, mit ihrem wildwuchernden Grünzeug, den Bäumen,
Büschen und vielfältigen Pflanzen, die von manchen Bewohnern mit Hingabe gepflegt
werden. Das Leben in diesen Häusern mit ihren Hinterhöfen und den wildwuchernden
Gärten ist manchmal so wunderschön, daß man sich gar nicht vorstellen kann,
welch wunderbare Menschen diese wunderschöne Idylle bewohnen.
Es ereignete sich also, daß zwei junge Familien aus dem Vorderhaus in der
Soundsostraße Nummer soundso Nachwuchs bekommen hatten. Diese Familien oder
eine dieser beiden Familien kam, als der Nachwuchs das erste Jahr überschritten
hatte, auf die Idee, daß nun eigentlich ein Sandkasten für die weitere Beschäftigung
der Kinder mit sich und der Umwelt und zur Entlastung der Eltern von Vorteil
wäre. Also nahmen die beiden Familien oder vielleicht auch nur die Väter oder
die Mütter oder alle zusammen die beiden Hinterhöfe der beiden Häuser in Augenschein
und kamen zu der Auffassung, daß der Hinterhof hinter dem Rückgebäude eigentlich
ein ganz wunderschöner wäre, jedenfalls wesentlich schöner als der Hinterhof
zwischen dem Vorderhaus und dem Rückgebäude, denn in dem stehen die Mülltonnen
beider Häuser, und außerdem stehen die beiden Häuser so eng hintereinander,
daß der erste Hinterhof wesentlich weniger Sonne abbekommt als der hintere Hinterhof,
letzterer deshalb dem vorderen Hinterhof für den gewünschten Sandkasten vorzuziehen
wäre. Man brachte dieses Anliegen dem im Rückgebäude wohnenden Hausmeister zur
Kenntnis und entwarf daraufhin ein Schreiben, in dem die Bewohner beider Häuser
zu einer Versammlung eingeladen wurden, auf der über die geplante Einrichtung
des Sandkastens beraten werden sollte, nicht ohne zuvor den Hausmeister um Rat
im Hinblick auf den Wortlaut dieser Einladung um Rat gefragt zu haben. Die Versammlung
fand dann also zum veranschlagten Termin im ersten Hinterhof statt, was fehlte,
waren allerdings die Bewohner des Rückgebäudes, was zweifellos zur Kenntnis
genommen wurde, nur der Hausmeister war gekommen, und dieser tat sich während
der nun stattfindenden Beratungen vor allem durch sein bockiges Wesen und seine
Unlust, über den Wunsch der beiden Familien vernünftig zu reden, hervor. Die
anwesenden Bewohner des Vorderhauses beratschlagten währenddessen, das seltsame
Verhalten des Hausmeisters ignorierend, vor Ort im Garten hinter dem Rückgebäude
und wählten auch schon den Platz aus, an dem der Sandkasten am sinnvollsten
untergebracht würde. Das Ergebnis dieser Beratung wurde von den beiden Familien
wiederum allen Bewohnern des Vorderhauses und des Rückgebäudes schriftlich mitgeteilt,
verbunden mit der Bitte, seine Zustimmung oder Ablehnung zu dem Vorhaben auf
eben jenem zweiten Schreiben kundzutun und dieses dann in den Briefkasten einer
der beiden Kleinkindfamilie zu werfen. Das Ergebnis der Umfrage – eine knappe
Mehrheit für die Befürworter des Sandkastens im Garten des Rückgebäudes, der
Rest hatte sich an der Umfrage gar nicht teilgenommen - wurde in einem dritten
Schreiben wiederum allen Bewohnern sowohl des Vorderhauses als auch des Rückgebäudes
mitgeteilt, also auch jenen, die nicht zu der Versammlung gekommen waren, wodurch
der unglückliche Verlauf der Dinge aber nun nicht mehr aufzuhalten war. Denn
das Hinterhaus, oder vielmehr eine bestimmte Bewohnerin des Hinterhauses, die
bereits seit langer Zeit den Hinterhof des Rückgebäudes mehr oder weniger für
sich beanspruchte, begann das Vorhaben der beiden Familien mit ihren Kleinkindern
und dem daraus resultierenden Wunsch nach einem Sandkasten im Garten des Rückgebäudes
mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu torpedieren, und zwar in der
Weise, daß den Organisatoren der Abstimmung ein Fehler in der Zählweise der
Stimmen der Umfrage unterstellt wurde, was allerdings nicht im offenen Gespräch
mit den beiden Kleinkindfamilien kundgetan wurde, sondern hintenrum, nämlich
unter den Bewohnern des Rückgebäudes und in einem Beschwerdebrief an den Hausbesitzer,
der zuvor die Mieter angewiesen hatte, sich auf ein für alle akzeptables Ergebnis
zu einigen, was wiederum Anlaß für die dann durchgeführte Abstimmung war. Dieser
Zählfehler wurde in einem dem Duktus des Hausmeisters - einem im Hauptberuf
im Versicherungswesen tätigen Bürokraten, der seinen Mitmenschen zwar gern die
Hucke vollredete, selbst aber unfähig zum Zuhören war und der sich inzwischen
offen auf die Seite der Sandkastengegner geschlagen hatte - zuordenbaren Schreiben
den Organisatoren der Umfrage zum Vorwurf gemacht, nicht ohne daß darin erwähnt
wurde, daß der Herr Soundso - einer der beiden Familienväter, die den Sandkasten
haben wollten - in einem Streitgespräch im Treppenhaus des Vorderhauses mit
dem Herrn von Soundso aus dem ersten Stock des Vorderhauses, in welches jener
erst vor kurzem aus dem Rückgebäude umgezogen war, angeblich seine Beherrschung
verloren und ihn wütend angegangen habe, und daß der Vorwurf der Kinderfeindlichkeit,
der inzwischen die Runde machte und der in verschiedenen Gesprächen bzw. Disputen
zwischen einzelnen Gruppen und Mitgliedern der beiden Kontrahentenlager immer
wieder gefallen war, überhaupt nicht zutreffend sei (Zitat: „Weit davon entfernt,
Kindern die Möglichkeit zum Sandkastenspiel vorenthalten zu wollen, wenden wir
uns lediglich gegen die Aufstellung des Kastens im Hinterhof. Der mehrfach gefallene
Vorhalt der „Kinderfeindlichkeit“ ist daher selbsterläuternd.“, will heißen:
ungerechtfertigt). Man wolle im Hinterhof des Rückgebäudes deshalb keinen Sandkasten
haben, weil die Kinder den Sand im ganzen Garten verteilen und diesen dadurch
beschädigen würden. Zur Bekräftigung dieser Aussage wurde die Tür zum hinteren
Hinterhof mit einer Kette verrammelt. Den beiden Kleinkindfamilien war darüber
inzwischen die Lust am hinteren Hinterhof vergangen, erfuhren sie doch von anderen
Bewohnern des Vorderhauses, daß es denen mit ihren eigenen Kindern früher schon
ähnlich ergangen war. Die Bagage im Rückgebäude wolle einfach nur ihre Ruhe
haben und den idyllischen Garten für sich allein in Anspruch nehmen können,
was man aber so nicht zugeben könne, deshalb suche man nach irgendwelchen verlogenen
Begründungen, wolle darüber aber den Vorwurf der Kinderfeindlichkeit auf keinen
Fall auf sich sitzen lassen. Weil dieser aber – durch praktisches Verhalten
bekräftigt – nicht so ohne weiteres wieder aus der Welt zu schaffen war, hatte
sich das Klima zwischen den beiden inzwischen zerstrittenen Parteien nach kurzer
Zeit so nachhaltig abgekühlt, daß jeder aus dem Vorderhaus inständig hoffte,
möglichst keinem der blöden Nachbarn aus dem Rückgebäude zu begegnen, denn normal
miteinander umgehen konnte man jetzt ohnehin nicht mehr, und man hatte inzwischen
auch keine Lust mehr, sich mit denen aus dem Rückgebäude zu unterhalten. Die
Bewohner des Rückgebäudes dürften über ihre Nachbarn aus dem Vorderhaus kaum
anders geurteilt haben.
So läßt sich aus dem Verlauf dieses Konfliktes die Erkenntnis
ziehen, daß kinderfreundlich ist, wer einer Sache (dem Garten) gegenüber dem
Kind den Vorzug gibt und kinderfeindlich, wer das Kind gegenüber der Sache bevorzugt.
Diese Neudefinition des Sinns von Sprache wurde notwendig, um den wunderbaren
Charakter dieser wunderschönen Wohngegend zu erhalten.