Renate Spelzenkron
Wunderschön

Das Leben in dieser Stadt ist wunderschön. Auch der Stadtteil, in dem ich wohne, ist wunderschön. Die Häuser sind hundert und mehr Jahre alt und stehen in Zweierreihen hintereinander, und zwischen den Häuserreihen liegen voneinander abgetrennte Hinterhöfe. Auch diese Hinterhöfe sind meist wunderschön. Die reinste Idylle sind sie, mit ihrem wildwuchernden Grünzeug, den Bäumen, Büschen und vielfältigen Pflanzen, die von manchen Bewohnern mit Hingabe gepflegt werden. Das Leben in diesen Häusern mit ihren Hinterhöfen und den wildwuchernden Gärten ist manchmal so wunderschön, daß man sich gar nicht vorstellen kann, welch wunderbare Menschen diese wunderschöne Idylle bewohnen.
Es ereignete sich also, daß zwei junge Familien aus dem Vorderhaus in der Soundsostraße Nummer soundso Nachwuchs bekommen hatten. Diese Familien oder eine dieser beiden Familien kam, als der Nachwuchs das erste Jahr überschritten hatte, auf die Idee, daß nun eigentlich ein Sandkasten für die weitere Beschäftigung der Kinder mit sich und der Umwelt und zur Entlastung der Eltern von Vorteil wäre. Also nahmen die beiden Familien oder vielleicht auch nur die Väter oder die Mütter oder alle zusammen die beiden Hinterhöfe der beiden Häuser in Augenschein und kamen zu der Auffassung, daß der Hinterhof hinter dem Rückgebäude eigentlich ein ganz wunderschöner wäre, jedenfalls wesentlich schöner als der Hinterhof zwischen dem Vorderhaus und dem Rückgebäude, denn in dem stehen die Mülltonnen beider Häuser, und außerdem stehen die beiden Häuser so eng hintereinander, daß der erste Hinterhof wesentlich weniger Sonne abbekommt als der hintere Hinterhof, letzterer deshalb dem vorderen Hinterhof für den gewünschten Sandkasten vorzuziehen wäre. Man brachte dieses Anliegen dem im Rückgebäude wohnenden Hausmeister zur Kenntnis und entwarf daraufhin ein Schreiben, in dem die Bewohner beider Häuser zu einer Versammlung eingeladen wurden, auf der über die geplante Einrichtung des Sandkastens beraten werden sollte, nicht ohne zuvor den Hausmeister um Rat im Hinblick auf den Wortlaut dieser Einladung um Rat gefragt zu haben. Die Versammlung fand dann also zum veranschlagten Termin im ersten Hinterhof statt, was fehlte, waren allerdings die Bewohner des Rückgebäudes, was zweifellos zur Kenntnis genommen wurde, nur der Hausmeister war gekommen, und dieser tat sich während der nun stattfindenden Beratungen vor allem durch sein bockiges Wesen und seine Unlust, über den Wunsch der beiden Familien vernünftig zu reden, hervor. Die anwesenden Bewohner des Vorderhauses beratschlagten währenddessen, das seltsame Verhalten des Hausmeisters ignorierend, vor Ort im Garten hinter dem Rückgebäude und wählten auch schon den Platz aus, an dem der Sandkasten am sinnvollsten untergebracht würde. Das Ergebnis dieser Beratung wurde von den beiden Familien wiederum allen Bewohnern des Vorderhauses und des Rückgebäudes schriftlich mitgeteilt, verbunden mit der Bitte, seine Zustimmung oder Ablehnung zu dem Vorhaben auf eben jenem zweiten Schreiben kundzutun und dieses dann in den Briefkasten einer der beiden Kleinkindfamilie zu werfen. Das Ergebnis der Umfrage – eine knappe Mehrheit für die Befürworter des Sandkastens im Garten des Rückgebäudes, der Rest hatte sich an der Umfrage gar nicht teilgenommen - wurde in einem dritten Schreiben wiederum allen Bewohnern sowohl des Vorderhauses als auch des Rückgebäudes mitgeteilt, also auch jenen, die nicht zu der Versammlung gekommen waren, wodurch der unglückliche Verlauf der Dinge aber nun nicht mehr aufzuhalten war. Denn das Hinterhaus, oder vielmehr eine bestimmte Bewohnerin des Hinterhauses, die bereits seit langer Zeit den Hinterhof des Rückgebäudes mehr oder weniger für sich beanspruchte, begann das Vorhaben der beiden Familien mit ihren Kleinkindern und dem daraus resultierenden Wunsch nach einem Sandkasten im Garten des Rückgebäudes mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu torpedieren, und zwar in der Weise, daß den Organisatoren der Abstimmung ein Fehler in der Zählweise der Stimmen der Umfrage unterstellt wurde, was allerdings nicht im offenen Gespräch mit den beiden Kleinkindfamilien kundgetan wurde, sondern hintenrum, nämlich unter den Bewohnern des Rückgebäudes und in einem Beschwerdebrief an den Hausbesitzer, der zuvor die Mieter angewiesen hatte, sich auf ein für alle akzeptables Ergebnis zu einigen, was wiederum Anlaß für die dann durchgeführte Abstimmung war. Dieser Zählfehler wurde in einem dem Duktus des Hausmeisters - einem im Hauptberuf im Versicherungswesen tätigen Bürokraten, der seinen Mitmenschen zwar gern die Hucke vollredete, selbst aber unfähig zum Zuhören war und der sich inzwischen offen auf die Seite der Sandkastengegner geschlagen hatte - zuordenbaren Schreiben den Organisatoren der Umfrage zum Vorwurf gemacht, nicht ohne daß darin erwähnt wurde, daß der Herr Soundso - einer der beiden Familienväter, die den Sandkasten haben wollten - in einem Streitgespräch im Treppenhaus des Vorderhauses mit dem Herrn von Soundso aus dem ersten Stock des Vorderhauses, in welches jener erst vor kurzem aus dem Rückgebäude umgezogen war, angeblich seine Beherrschung verloren und ihn wütend angegangen habe, und daß der Vorwurf der Kinderfeindlichkeit, der inzwischen die Runde machte und der in verschiedenen Gesprächen bzw. Disputen zwischen einzelnen Gruppen und Mitgliedern der beiden Kontrahentenlager immer wieder gefallen war, überhaupt nicht zutreffend sei (Zitat: „Weit davon entfernt, Kindern die Möglichkeit zum Sandkastenspiel vorenthalten zu wollen, wenden wir uns lediglich gegen die Aufstellung des Kastens im Hinterhof. Der mehrfach gefallene Vorhalt der „Kinderfeindlichkeit“ ist daher selbsterläuternd.“, will heißen: ungerechtfertigt). Man wolle im Hinterhof des Rückgebäudes deshalb keinen Sandkasten haben, weil die Kinder den Sand im ganzen Garten verteilen und diesen dadurch beschädigen würden. Zur Bekräftigung dieser Aussage wurde die Tür zum hinteren Hinterhof mit einer Kette verrammelt. Den beiden Kleinkindfamilien war darüber inzwischen die Lust am hinteren Hinterhof vergangen, erfuhren sie doch von anderen Bewohnern des Vorderhauses, daß es denen mit ihren eigenen Kindern früher schon ähnlich ergangen war. Die Bagage im Rückgebäude wolle einfach nur ihre Ruhe haben und den idyllischen Garten für sich allein in Anspruch nehmen können, was man aber so nicht zugeben könne, deshalb suche man nach irgendwelchen verlogenen Begründungen, wolle darüber aber den Vorwurf der Kinderfeindlichkeit auf keinen Fall auf sich sitzen lassen. Weil dieser aber – durch praktisches Verhalten bekräftigt – nicht so ohne weiteres wieder aus der Welt zu schaffen war, hatte sich das Klima zwischen den beiden inzwischen zerstrittenen Parteien nach kurzer Zeit so nachhaltig abgekühlt, daß jeder aus dem Vorderhaus inständig hoffte, möglichst keinem der blöden Nachbarn aus dem Rückgebäude zu begegnen, denn normal miteinander umgehen konnte man jetzt ohnehin nicht mehr, und man hatte inzwischen auch keine Lust mehr, sich mit denen aus dem Rückgebäude zu unterhalten. Die Bewohner des Rückgebäudes dürften über ihre Nachbarn aus dem Vorderhaus kaum anders geurteilt haben.
So läßt sich aus dem Verlauf dieses Konfliktes die Erkenntnis ziehen, daß kinderfreundlich ist, wer einer Sache (dem Garten) gegenüber dem Kind den Vorzug gibt und kinderfeindlich, wer das Kind gegenüber der Sache bevorzugt. Diese Neudefinition des Sinns von Sprache wurde notwendig, um den wunderbaren Charakter dieser wunderschönen Wohngegend zu erhalten.

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