Richard Winterstein
500 000 neue Stellen für Putzhilfen

(SZ vom 17./18. April 2003, S. 21)

Liebe Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und sonstige Arbeitsunwillige,

eine frohe Botschaft steht euch ins Haus: die staatlichen Almosen, mit denen ihr es euch in der sozialen Hängematte bisher gemütlich gemacht habt, werden bald der Vergangenheit angehören. Wann und wie bald, darüber streiten sich die für euch zuständigen wissenschaftlichen Sozial-Bewährungshelfer noch, aber seid getröstet: allzu lange kann es nicht mehr dauern, bis ihr aus eurem nichtsnutzigen Lotterleben herausreformiert werdet. Vor allem ihr Arbeitslosen solltet euch darüber freuen, daß ihr bald in den Stand der Sozialhilfeempfängerschaft erhoben werdet. Der damit einhergehende soziale Aufstieg sollte euch Antrieb und Motiv sein, euch hingebungsvoll auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten.
Wie ihr sicherlich inzwischen auch mitbekommen habt, will sich das hierzulande ansässige Kapital nicht mehr so richtig rentieren. Dumm für euch, denn unsere Unternehmer können euch nur benützen, wenn es sich auch richtig lohnt, euch Habenichtse in Dienst zu nehmen. Aber das tut es leider nicht, denn ihr seid einfach zu habgierig. Kaum gibt sich ein Unternehmer die Ehre, euch einen seiner äußerst begehrten und seltenen Arbeitsplätze anzuvertrauen, auf daß ihr ihm seine paar ersparten Kröten vermehrt, kommt schon so ein unverschämter ausländischer Konkurrent daher und reißt sich mit seinen Dumpingpreisen das bißchen Kaufkraft unter den Nagel, das eigentlich eurem Dienstherrn zusteht. Das ist zwar nicht euer Bier, aber irgendwie seid doch ihr die Schuldigen, denn durch eure unanständig hohen Löhne macht ihr dem Unternehmen all die schönen Marktchancen kaputt, von deren Realisierung schließlich auch euer Wohlstand abhängt. Das ist geradezu unanständig. Es gibt unter euch außerdem immer noch ein paar Unbelehrbare, die glauben, sie müssten ihr sauer verdientes Geld unbedingt der Gewerkschaft in den Rachen werfen, nur damit die bei den unvermeidlichen Lohnkürzungen ein paar ohnehin zu vernachlässigende Zugeständnisse an eure Habgier rausholt. Doch das ist der falsche Weg.
Weil Euresgleichen so uneinsichtig ist, haben unsere regierenden Politiker beschlossen, den wehrlosen Unternehmern zur Hilfe zu eilen und dafür zu sorgen, daß sich eure Erwartungen endlich an die marktwirtschaftliche Vernunft anpassen. "Bei immer mehr Arbeitsmarktexperten und Wirtschaftswissenschaftlern setzt sich die Erkenntnis durch, dass die anhaltend schlechte Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt nur durch den Auf- und Ausbau eines Niedriglohnsektors gestoppt werden könne." (SZ, a.a.O.) Das versteht doch jedes Kind: wenn weniger Lohn bezahlt werden muß, kann das Produzierte billiger und damit eher verkauft werden. Blöd nur, wenn dann alle billiger produzieren und billiger verkaufen können, dann ist der Vorteil wieder im Eimer. Aber egal, wichtig ist nur, daß ihr einseht, daß sich Leistung lohnen muß. Und lohnen tut sich Leistung halt am ehesten dann, wenn ihr möglichst wenig verdient, ist doch klar. Leider aber glauben viele Lohn- und Gehaltsempfänger immer noch, daß sich auch ihre Leistung lohnen muß, nämlich in der Lohntüte. Aber so ist das doch gar nicht gemeint, du meine Güte! Im Gegenteil: "Leistung muß sich lohnen" heißt, daß sie sich für euch gerade nicht lohnen darf. Das ist doch der Trick an der Sache. Und wenn ihr den erst mal begriffen habt, werdet ihr auch einsehen, daß sich Leistung für euch erst dann so richtig lohnt, wenn sie sich für euch nicht lohnt. Immer noch nicht verstanden? Also versuche ich es noch etwas deutlicher auszudrücken: nur wenn sich die geleistete Arbeit für euch nicht lohnt, werdet ihr euren Arbeitsplatz mit etwas Glück und guten Willen des Arbeitgebers eine Weile länger behalten können. Auf diese Weise lohnt es sich dann doch, denn dann habt ihr wenigstens einen Arbeitsplatz, auch wenn sich der für euch lohnmäßig nicht lohnt. Das ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach zu verstehen, aber wenn ihr euch erst mal mit diesem Gedanken angefreundet habt, wird euch das irgendwann sicherlich auch ganz logisch vorkommen. Es genügt aber auch, wenn ihr das einfach glaubt.
Tja ja, das mit der Wirtschaft ist manchmal nicht ganz einfach zu verstehen. Das geht uns allen so. Das soll euch aber nicht davon abhalten, den Argumenten der Wirtschaftsführer und euren Politikern auch weiterhin euer Vertrauen zu schenken. Die wollen nämlich nur euer Bestes. Und das bedeutet: geht in euch und reduziert eure Erwartungen, denn wenn ihr weiterhin an einer derart überzogenen lohnmäßigen Anspruchshaltung festhaltet, wird das schlußendlich zum Niedergang unserer schönen Marktwirtschaft führen. Und das kann doch nun wirklich nicht in eurem Interesse sein. Es wäre doch jammerschade um die Freiheit des Geldverdienens und all die schönen Chancen, die sich dabei dem Tüchtigen eröffnen. Auch wenn mir eurer Art von Tüchtigkeit meistens nicht mal ein Blumentopf zu gewinnen ist. Aber so ist das nun mal im Leben, nicht jeder kann in der Oberliga mitspielen.
Ein weiteres und besonders unappetitliches Übel ist der nicht nur unter Selbständigen, sondern auch unter euch Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern weit verbreitete Drang zur Schwarzarbeit, der energisch bekämpft werden muß. "Dies gelinge jedoch nur, wenn es zu dauerhaften Reformen auf dem Arbeitsmarkt und im sozialen Sicherungssystem kommen werde." (SZ, a.a.O.) Von selber kommt von euch Drückebergern ja keiner auf die Idee, daß es für das persönliche Seelenheil unabdingbar ist, ein ehrliches und anständiges Leben zu führen, die Gesetze zu achten und sein Anspruchsniveau den Notwendigkeiten eines modernen Arbeitsmarktes anzupassen. Lieber laßt ihr euch vom Vater Staat aushalten und bescheißt ihn hintenrum auch noch. Dabei ist schon längst erwiesen, "dass die Sozialhilfezahlungen eine reguläre Arbeitsaufnahme zumeist blockieren." (SZ, a.a.O.) Deshalb lautet die Forderung der Stunde: "Sozialhilfe vor allem deutlich senken. So können arbeitsfähige Empfänger motiviert werden, auch weniger gut bezahlte Stellen anzunehmen. Dadurch ließe sich die besonders hohe Arbeitslosigkeit unter den gering qualifizierten Arbeitskräften spürbar senken." (SZ , a.a.O.) Zwar reicht die Sozialhilfe hinten und vorne nicht für ein vernünftiges oder gar angenehmes Leben, aber wer sagt denn, daß es darauf ein Anspruchsrecht geben muß? Ihr Faulenzer seid außerdem doch gar nicht in der Lage, mit den vom Sozialamt erschlichenen Kröten richtig hauszuhalten, sonst würde euch nicht mit penetranter Regelmäßigkeit die Kohle ausgehen, bevor die nächste Überweisung ansteht. Eine allfällige Korrektur der Zahlungen nach unten wird euch lehren, sorgfältiger mit den staatlichen Almosen umzugehen. Eure Unfähigkeit im Umgang mit der Sozialhilfe ist der beste Beweis dafür, daß den Wert des Geldes nur derjenige richtig einzuschätzen vermag, der gezwungen ist, für seinen Lebensunterhalt selbst zu sorgen. Diese Erkenntnis soll auch euch endlich nicht weiter vorenthalten bleiben. Der heilsame Zwang des Gesetzes wird euch helfen, den richtigen Weg zum Glück zu finden. Und dieses Glück liegt - wie könnte es anders sein - in der Bescheidenheit begründet, die Leuten wie euch am besten zu Gesicht steht. Eigentlich verwunderlich, daß ihr nicht selbst darauf kommen wollt, denn an ein Leben unter Mangelbedingungen seid ihr ja ohnehin gewöhnt. Also ziert euch nicht weiter und geht den Weg, der für euch nunmal vorgesehen ist, bitteschön auch konsequent weiter. Das seid ihr schließlich eurer heiligen Staatsbürgerehre schuldig.
Und jammert ja nicht über den Abbau der sozialen Sicherungssysteme. Was ist schon sicher auf dieser Welt? Das Leben ist fortwährend Veränderungen unterworfen. Im Neuen, Unbekannten liegt die Chance, und dem Mutigen gehört die Welt. Das ist jetzt keinesfalls zynisch gemeint, nein, ehrlich: auch euch stehen schließlich alle Möglichkeiten eines freiheitlichen Wirtschaftssystems offen, ihr müßt sie nur ergreifen. Was zögert ihr also noch? "Durch Haushaltshilfen oder Kinderbetreuung ließen sich relativ rasch rund 500 000 neue Stellen schaffen." (SZ, a.a.O.) Wenn das Kapital euch schon nicht brauchen kann, so dient euch halt gefälligst einer der überforderten Lohnarbeiterfamilien an, von denen es hierzulande mehr als genug gibt. Denen bleibt zwar auch kaum was übrig vom verdienten Lohn, aber wenn es darum geht, einen Niedriglohn-Arbeitsplatz zu schaffen, sind Verdienst-Untergrenzen ohnehin kein Thema. Erledigt ihr fleissig und anspruchslos eure Aufgabe, wird es sich kein lohnabhängiger Arbeitgeber nehmen lassen, die am Arbeitsplatz erlittenen Schikanen frohen Herzens in ein Urteil über die Qualität eurer Arbeit einfließen zu lassen. Das müßt ihr euch bitteschön dann aber auch gefallen lassen, denn mit eurem Arbeitgeber dürft ihr es euch nicht verderben. Sonst ist es bald wieder vorbei mit der schönen neuen familienbezogenen Arbeitswelt. Also übt euch schon mal vorausschauend in Gelassenheit und Streßresistenz. Meditieren ist hier das angesagteste Mittel der Wahl, um auf den dafür notwendigen psychischen Trichter zu kommen.
Euch gefällt die angebotene Aufgabenstellung nicht? Was ist schon gegen den Job zum Beispiel als Putzhilfe einzuwenden? Ihr übt damit für andere Menschen, die vor lauter Arbeit nun mal nicht mehr dazu kommen, ihren Haushalt in Ordnung zu halten, eine wichtige Funktion aus. Putzen ist ein echt sozialer Job, das müßt ihr euch mal in aller Deutlichkeit vor Augen führen. Mit den Leuten, für die ihr putzt, klarzukommen, erfordert ein großes Maß an sozialer Kompetenz, Einfühlungsvermögen und Teamfähigkeit: Qualifikationen, auf die heutzutage in allen Bereichen der Wirtschaft sehr großer Wert gelegt wird. Putzen ist besonders ein für Singles sehr interessanter Job, denn ihr kommt dadurch in Kontakt mit anderen Menschen und mit euren eigenen inneren Begrenzungen und Schwächen. Negative Gefühle wie Ekel und Abscheu vor dem Dreck der anderen werden euch anfangs zwar noch Schwierigkeiten bereiten, aber bald werdet ihr euch auch darüber zu erheben gelernt haben. Nehmt es als therapeutische Herausforderung, der zu stellen euch ein großes Stück auf dem Weg zur inneren Selbstverwirklichung weiterbringen wird. Damit habt ihr bereits die halbe Miete bezahlt, ich meine im übertragenen Sinne, den Sinn des Lebens betreffend. Der Lohn fürs Putzen wird zwar, wenn´s gut geht, gerade so mal für die Bezahlung der Wohnungsmiete reichen, aber auch euer Vermieter will leben, und in der Beschränkung zeigt sich ja bekanntlich der Meister. Also werdet zu eurem eigenen Lebensmeister und macht keine Zicken, wenn´s darum geht, euch für ‘nen Appel und ´n Ei in ein Beschäftigungsverhältnis zu begeben, das euch anfangs als Zumutung erscheinen mag, das aber bei genauerem Hinsehen eine Vielzahl an wunderbaren Möglichkeiten, insbesondere der Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung, in sich birgt.
Und für alle von euch, die dann immer noch nicht begriffen haben, wohin die Reise zu gehen hat, "empfehlen wir das Workfare-Prinzip. ... Dieser aus einem Pilotprojekt in den USA entwickelte Ansatz sieht vor, daß arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger ihre Unterstützung nur dann erhalten, wenn sie eine gemeinnützige Tätigkeit mit 38,5 Wochenstunden aufnehmen." (SZ, a.a.O.) Unsere Freunde in Übersee wissen halt, wie man mit Leuten umgeht, die partout nicht begreifen wollen. "Die Effekte seien durchweg positiv. Viele Sozialhilfebezieher, die nebenbei schwarz arbeiteten, würden auf die Legalisierung ihrer Jobs drängen. Andere würden sich eine Niedriglohn-Stelle suchen, da hier zumeist ein höherer Wochenarbeitsverdienst bezahlt werde." (SZ,. a.a.O.) Dieser wunderbare Vorschlag ist geradezu der Inbegriff einer sozialorientierten Motivationsstrategie für Leute, denen jegliche Motivation zur Ableistung eines sozialverträglichen Verhaltens abhanden gekommen ist. Da man davon ausgehen kann, daß ihr Sozialhilfeempfänger insbesondere dann potentielle Schwarzarbeiter seid, wenn ihr euch mit psychischen Macken oder physischen Gebrechen zu tarnen versucht oder euch in Altersausreden flüchtet, bietet der Zwang zur Annahme einer gemeinnützigen Tätigkeit allen auf die schiefe soziale Bahn Geratenen die einzigartige Chance einer gründlichen gewissensmäßigen Besinnung und Reinwaschung. Warum ein derartiger Weg nur unter Entbehrungen erfolgreich zurückgelegt werden kann, wird euch jeder Pfarrer gerne erklären. Dieser mit kirchlichem Segen versehene Besserungsweg wird eine geradezu frappierende erzieherische Wirkung auf euch ausüben. Ihr werdet noch staunen, zu welch erstaunlichen Leistungen ihr imstande sein werdet, wenn ihr euch erst einmal der Erkenntnis anbequemt habt, daß euch schlichtweg gar nichts anderes übrig bleiben wird, als das zu tun, was von euch verlangt wird. Dafür dürft ihr euch dann aber auch schleunigst nach einer besser bezahlten Niedriglohn-Stelle umsehen, die euch in die Lage versetzen wird, ein paar Schachteln Zigaretten und ein paar Flaschen Bier mehr einzukaufen, als euch dies unter Sozialhilfebedingungen möglich gewesen ist. Habt ihr erst mal diesen Rang auf der sozialen Stufenleiter erklommen, wird euch endgültig nichts mehr als unmöglich erscheinen. Denn dann habt ihr schon fast alles erreicht, was euresgleichen überhaupt erreichen kann und soll.
Herzlich, Euer Richard Winterstein

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