(SZ vom 17./18. April 2003, S. 21)
Liebe Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und sonstige Arbeitsunwillige,
eine frohe Botschaft steht euch
ins Haus: die staatlichen Almosen, mit denen ihr es euch in
der sozialen Hängematte bisher gemütlich gemacht habt, werden
bald der Vergangenheit angehören. Wann und wie bald, darüber
streiten sich die für euch zuständigen wissenschaftlichen
Sozial-Bewährungshelfer noch, aber seid getröstet: allzu lange
kann es nicht mehr dauern, bis ihr aus eurem nichtsnutzigen
Lotterleben herausreformiert werdet. Vor allem ihr
Arbeitslosen solltet euch darüber freuen, daß ihr bald in den
Stand der Sozialhilfeempfängerschaft erhoben werdet. Der damit
einhergehende soziale Aufstieg sollte euch Antrieb und Motiv
sein, euch hingebungsvoll auf die kommenden Aufgaben
vorzubereiten.
Wie ihr sicherlich inzwischen auch mitbekommen habt, will
sich das hierzulande ansässige Kapital nicht mehr so richtig
rentieren. Dumm für euch, denn unsere Unternehmer können euch
nur benützen, wenn es sich auch richtig lohnt, euch
Habenichtse in Dienst zu nehmen. Aber das tut es leider nicht,
denn ihr seid einfach zu habgierig. Kaum gibt sich ein
Unternehmer die Ehre, euch einen seiner äußerst begehrten und
seltenen Arbeitsplätze anzuvertrauen, auf daß ihr ihm seine
paar ersparten Kröten vermehrt, kommt schon so ein
unverschämter ausländischer Konkurrent daher und reißt sich
mit seinen Dumpingpreisen das bißchen Kaufkraft unter den
Nagel, das eigentlich eurem Dienstherrn zusteht. Das ist zwar
nicht euer Bier, aber irgendwie seid doch ihr die Schuldigen,
denn durch eure unanständig hohen Löhne macht ihr dem
Unternehmen all die schönen Marktchancen kaputt, von deren
Realisierung schließlich auch euer Wohlstand abhängt. Das ist
geradezu unanständig. Es gibt unter euch außerdem immer noch
ein paar Unbelehrbare, die glauben, sie müssten ihr sauer
verdientes Geld unbedingt der Gewerkschaft in den Rachen
werfen, nur damit die bei den unvermeidlichen Lohnkürzungen
ein paar ohnehin zu vernachlässigende Zugeständnisse an eure
Habgier rausholt. Doch das ist der falsche Weg.
Weil Euresgleichen so uneinsichtig ist, haben unsere
regierenden Politiker beschlossen, den wehrlosen Unternehmern
zur Hilfe zu eilen und dafür zu sorgen, daß sich eure
Erwartungen endlich an die marktwirtschaftliche Vernunft
anpassen. "Bei immer mehr Arbeitsmarktexperten und
Wirtschaftswissenschaftlern setzt sich die Erkenntnis durch,
dass die anhaltend schlechte Entwicklung auf dem deutschen
Arbeitsmarkt nur durch den Auf- und Ausbau eines
Niedriglohnsektors gestoppt werden könne." (SZ, a.a.O.) Das
versteht doch jedes Kind: wenn weniger Lohn bezahlt werden
muß, kann das Produzierte billiger und damit eher verkauft
werden. Blöd nur, wenn dann alle billiger produzieren und
billiger verkaufen können, dann ist der Vorteil wieder im
Eimer. Aber egal, wichtig ist nur, daß ihr einseht, daß sich
Leistung lohnen muß. Und lohnen tut sich Leistung halt am
ehesten dann, wenn ihr möglichst wenig verdient, ist doch
klar. Leider aber glauben viele Lohn- und Gehaltsempfänger
immer noch, daß sich auch ihre Leistung lohnen muß, nämlich in
der Lohntüte. Aber so ist das doch gar nicht gemeint, du meine
Güte! Im Gegenteil: "Leistung muß sich lohnen" heißt, daß sie
sich für euch gerade nicht lohnen darf. Das ist doch der Trick
an der Sache. Und wenn ihr den erst mal begriffen habt, werdet
ihr auch einsehen, daß sich Leistung für euch erst dann so
richtig lohnt, wenn sie sich für euch nicht lohnt. Immer noch
nicht verstanden? Also versuche ich es noch etwas deutlicher
auszudrücken: nur wenn sich die geleistete Arbeit für euch
nicht lohnt, werdet ihr euren Arbeitsplatz mit etwas Glück und
guten Willen des Arbeitgebers eine Weile länger behalten
können. Auf diese Weise lohnt es sich dann doch, denn dann
habt ihr wenigstens einen Arbeitsplatz, auch wenn sich der für
euch lohnmäßig nicht lohnt. Das ist zugegebenermaßen nicht
ganz einfach zu verstehen, aber wenn ihr euch erst mal mit
diesem Gedanken angefreundet habt, wird euch das irgendwann
sicherlich auch ganz logisch vorkommen. Es genügt aber auch,
wenn ihr das einfach glaubt.
Tja ja, das mit der Wirtschaft ist manchmal nicht ganz
einfach zu verstehen. Das geht uns allen so. Das soll euch
aber nicht davon abhalten, den Argumenten der
Wirtschaftsführer und euren Politikern auch weiterhin euer
Vertrauen zu schenken. Die wollen nämlich nur euer Bestes. Und
das bedeutet: geht in euch und reduziert eure Erwartungen,
denn wenn ihr weiterhin an einer derart überzogenen
lohnmäßigen Anspruchshaltung festhaltet, wird das
schlußendlich zum Niedergang unserer schönen Marktwirtschaft
führen. Und das kann doch nun wirklich nicht in eurem
Interesse sein. Es wäre doch jammerschade um die Freiheit des
Geldverdienens und all die schönen Chancen, die sich dabei dem
Tüchtigen eröffnen. Auch wenn mir eurer Art von Tüchtigkeit
meistens nicht mal ein Blumentopf zu gewinnen ist. Aber so ist
das nun mal im Leben, nicht jeder kann in der Oberliga
mitspielen.
Ein weiteres und besonders unappetitliches Übel ist der nicht
nur unter Selbständigen, sondern auch unter euch Arbeitslosen
und Sozialhilfeempfängern weit verbreitete Drang zur
Schwarzarbeit, der energisch bekämpft werden muß. "Dies
gelinge jedoch nur, wenn es zu dauerhaften Reformen auf dem
Arbeitsmarkt und im sozialen Sicherungssystem kommen werde."
(SZ, a.a.O.) Von selber kommt von euch Drückebergern ja keiner
auf die Idee, daß es für das persönliche Seelenheil
unabdingbar ist, ein ehrliches und anständiges Leben zu
führen, die Gesetze zu achten und sein Anspruchsniveau den
Notwendigkeiten eines modernen Arbeitsmarktes anzupassen.
Lieber laßt ihr euch vom Vater Staat aushalten und bescheißt
ihn hintenrum auch noch. Dabei ist schon längst erwiesen,
"dass die Sozialhilfezahlungen eine reguläre Arbeitsaufnahme
zumeist blockieren." (SZ, a.a.O.) Deshalb lautet die Forderung
der Stunde: "Sozialhilfe vor allem deutlich senken. So können
arbeitsfähige Empfänger motiviert werden, auch weniger gut
bezahlte Stellen anzunehmen. Dadurch ließe sich die besonders
hohe Arbeitslosigkeit unter den gering qualifizierten
Arbeitskräften spürbar senken." (SZ , a.a.O.) Zwar reicht die
Sozialhilfe hinten und vorne nicht für ein vernünftiges oder
gar angenehmes Leben, aber wer sagt denn, daß es darauf ein
Anspruchsrecht geben muß? Ihr Faulenzer seid außerdem doch gar
nicht in der Lage, mit den vom Sozialamt erschlichenen Kröten
richtig hauszuhalten, sonst würde euch nicht mit penetranter
Regelmäßigkeit die Kohle ausgehen, bevor die nächste
Überweisung ansteht. Eine allfällige Korrektur der Zahlungen
nach unten wird euch lehren, sorgfältiger mit den staatlichen
Almosen umzugehen. Eure Unfähigkeit im Umgang mit der
Sozialhilfe ist der beste Beweis dafür, daß den Wert des
Geldes nur derjenige richtig einzuschätzen vermag, der
gezwungen ist, für seinen Lebensunterhalt selbst zu sorgen.
Diese Erkenntnis soll auch euch endlich nicht weiter
vorenthalten bleiben. Der heilsame Zwang des Gesetzes wird
euch helfen, den richtigen Weg zum Glück zu finden. Und dieses
Glück liegt - wie könnte es anders sein - in der
Bescheidenheit begründet, die Leuten wie euch am besten zu
Gesicht steht. Eigentlich verwunderlich, daß ihr nicht selbst
darauf kommen wollt, denn an ein Leben unter Mangelbedingungen
seid ihr ja ohnehin gewöhnt. Also ziert euch nicht weiter und
geht den Weg, der für euch nunmal vorgesehen ist, bitteschön
auch konsequent weiter. Das seid ihr schließlich eurer
heiligen Staatsbürgerehre schuldig.
Und jammert ja nicht über den Abbau der sozialen
Sicherungssysteme. Was ist schon sicher auf dieser Welt? Das
Leben ist fortwährend Veränderungen unterworfen. Im Neuen,
Unbekannten liegt die Chance, und dem Mutigen gehört die Welt.
Das ist jetzt keinesfalls zynisch gemeint, nein, ehrlich: auch
euch stehen schließlich alle Möglichkeiten eines
freiheitlichen Wirtschaftssystems offen, ihr müßt sie nur
ergreifen. Was zögert ihr also noch? "Durch Haushaltshilfen
oder Kinderbetreuung ließen sich relativ rasch rund 500 000
neue Stellen schaffen." (SZ, a.a.O.) Wenn das Kapital euch
schon nicht brauchen kann, so dient euch halt gefälligst einer
der überforderten Lohnarbeiterfamilien an, von denen es
hierzulande mehr als genug gibt. Denen bleibt zwar auch kaum
was übrig vom verdienten Lohn, aber wenn es darum geht, einen
Niedriglohn-Arbeitsplatz zu schaffen, sind
Verdienst-Untergrenzen ohnehin kein Thema. Erledigt ihr
fleissig und anspruchslos eure Aufgabe, wird es sich kein
lohnabhängiger Arbeitgeber nehmen lassen, die am Arbeitsplatz
erlittenen Schikanen frohen Herzens in ein Urteil über die
Qualität eurer Arbeit einfließen zu lassen. Das müßt ihr euch
bitteschön dann aber auch gefallen lassen, denn mit eurem
Arbeitgeber dürft ihr es euch nicht verderben. Sonst ist es
bald wieder vorbei mit der schönen neuen familienbezogenen
Arbeitswelt. Also übt euch schon mal vorausschauend in
Gelassenheit und Streßresistenz. Meditieren ist hier das
angesagteste Mittel der Wahl, um auf den dafür notwendigen
psychischen Trichter zu kommen.
Euch gefällt die angebotene Aufgabenstellung nicht? Was ist
schon gegen den Job zum Beispiel als Putzhilfe einzuwenden?
Ihr übt damit für andere Menschen, die vor lauter Arbeit nun
mal nicht mehr dazu kommen, ihren Haushalt in Ordnung zu
halten, eine wichtige Funktion aus. Putzen ist ein echt
sozialer Job, das müßt ihr euch mal in aller Deutlichkeit vor
Augen führen. Mit den Leuten, für die ihr putzt, klarzukommen,
erfordert ein großes Maß an sozialer Kompetenz,
Einfühlungsvermögen und Teamfähigkeit: Qualifikationen, auf
die heutzutage in allen Bereichen der Wirtschaft sehr großer
Wert gelegt wird. Putzen ist besonders ein für Singles sehr
interessanter Job, denn ihr kommt dadurch in Kontakt mit
anderen Menschen und mit euren eigenen inneren Begrenzungen
und Schwächen. Negative Gefühle wie Ekel und Abscheu vor dem
Dreck der anderen werden euch anfangs zwar noch
Schwierigkeiten bereiten, aber bald werdet ihr euch auch
darüber zu erheben gelernt haben. Nehmt es als therapeutische
Herausforderung, der zu stellen euch ein großes Stück auf dem
Weg zur inneren Selbstverwirklichung weiterbringen wird. Damit
habt ihr bereits die halbe Miete bezahlt, ich meine im
übertragenen Sinne, den Sinn des Lebens betreffend. Der Lohn
fürs Putzen wird zwar, wenn´s gut geht, gerade so mal für die
Bezahlung der Wohnungsmiete reichen, aber auch euer Vermieter
will leben, und in der Beschränkung zeigt sich ja bekanntlich
der Meister. Also werdet zu eurem eigenen Lebensmeister und
macht keine Zicken, wenn´s darum geht, euch für ‘nen Appel und
´n Ei in ein Beschäftigungsverhältnis zu begeben, das euch
anfangs als Zumutung erscheinen mag, das aber bei genauerem
Hinsehen eine Vielzahl an wunderbaren Möglichkeiten,
insbesondere der Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung, in
sich birgt.
Und für alle von euch, die dann immer noch nicht begriffen
haben, wohin die Reise zu gehen hat, "empfehlen wir das
Workfare-Prinzip. ... Dieser aus einem Pilotprojekt in den USA
entwickelte Ansatz sieht vor, daß arbeitsfähige
Sozialhilfeempfänger ihre Unterstützung nur dann erhalten,
wenn sie eine gemeinnützige Tätigkeit mit 38,5 Wochenstunden
aufnehmen." (SZ, a.a.O.) Unsere Freunde in Übersee wissen
halt, wie man mit Leuten umgeht, die partout nicht begreifen
wollen. "Die Effekte seien durchweg positiv. Viele
Sozialhilfebezieher, die nebenbei schwarz arbeiteten, würden
auf die Legalisierung ihrer Jobs drängen. Andere würden sich
eine Niedriglohn-Stelle suchen, da hier zumeist ein höherer
Wochenarbeitsverdienst bezahlt werde." (SZ,. a.a.O.) Dieser
wunderbare Vorschlag ist geradezu der Inbegriff einer
sozialorientierten Motivationsstrategie für Leute, denen
jegliche Motivation zur Ableistung eines sozialverträglichen
Verhaltens abhanden gekommen ist. Da man davon ausgehen kann,
daß ihr Sozialhilfeempfänger insbesondere dann potentielle
Schwarzarbeiter seid, wenn ihr euch mit psychischen Macken
oder physischen Gebrechen zu tarnen versucht oder euch in
Altersausreden flüchtet, bietet der Zwang zur Annahme einer
gemeinnützigen Tätigkeit allen auf die schiefe soziale Bahn
Geratenen die einzigartige Chance einer gründlichen
gewissensmäßigen Besinnung und Reinwaschung. Warum ein
derartiger Weg nur unter Entbehrungen erfolgreich zurückgelegt
werden kann, wird euch jeder Pfarrer gerne erklären. Dieser
mit kirchlichem Segen versehene Besserungsweg wird eine
geradezu frappierende erzieherische Wirkung auf euch ausüben.
Ihr werdet noch staunen, zu welch erstaunlichen Leistungen ihr
imstande sein werdet, wenn ihr euch erst einmal der Erkenntnis
anbequemt habt, daß euch schlichtweg gar nichts anderes übrig
bleiben wird, als das zu tun, was von euch verlangt wird.
Dafür dürft ihr euch dann aber auch schleunigst nach einer
besser bezahlten Niedriglohn-Stelle umsehen, die euch in die
Lage versetzen wird, ein paar Schachteln Zigaretten und ein
paar Flaschen Bier mehr einzukaufen, als euch dies unter
Sozialhilfebedingungen möglich gewesen ist. Habt ihr erst mal
diesen Rang auf der sozialen Stufenleiter erklommen, wird euch
endgültig nichts mehr als unmöglich erscheinen. Denn dann habt
ihr schon fast alles erreicht, was euresgleichen überhaupt
erreichen kann und soll.
Herzlich, Euer Richard
Winterstein