Susanne Geduhn
Demokratie auf Halbplatt

Nee wirklich, dat mit der Demokratie... versteh ich nich. Also, zuerst hab ich ja geglaubt, da muss man an sone Urne gehn, wo dann der janze Papiermüll rinkommt. Ja, da dachte ich noch, dass Demokratie viel mit Sauberkeit zu tun hat, so weiße Weste und so ... Heutzutage is ja eh alles umgekehrt, nich porentief rein wie früher, sondern blenden und strahlen muss es, damit man den Dreck nich so sieht. Dat lernt man ja schon in den Bewerbungstrainings. Aber nee - dann hat mein Mann mir erklärt, dat Demokratie mit Sauberkeit überhaupt nix zu tun hat. Und dat man den Zettel auch nich wie Abfall inner Urne entsorgt, sondern ihn aus anderen Gründen inne Tonne klopft. So janz begriffen hab ich dat aber immer noch nich ...
Meine Tochter hat mir erklärt, wat dat eigentlich is - Demo-kratie. Wörtlich hatse jesacht, wörtlich is da nämlich "demo"
  dat Volk und "kratein" is herrschen. Also "dat Volk herrscht" oder "Volksherrschaft". Gut, Volksherrschaft, dat versteh ich. Aber ich gehör auch zum Volk. Dann kann ich jetzt herrschen oder wat? Dat einzige, wo ich drüber herrsche, is mein Haushalt und mein Mann.
Und der erklärt mir auch immer janz jenau, wo ich mein Kreuzchen machen muss. Ich hab ihm gesagt, dat ich durchaus Schreiben in der Schule gelernt hab, wenigstens meine Unterschrift könnt ich auf den Zettel setzen. Aber da lacht er mich nur aus und sagt, dat ginge nich, weils anonym sei und er ja auch nur n Kreuzchen machen würde. Hmm, irjendwie hätt ich jedacht, dat son Herrschaftsakt bisschen mehr Aktion erfordert. Aber dafür weiß ich jetzt, warum so viele von denen da oben so gern Golf spielen.
Da spiel ich doch lieber Lotto! Dat is wenigstens logisch. Da kann ich auch aus vorgegebenen Nummern wat auswählen. Da bestimm ich auch mit. Und da kann ich sogar wat gewinnen! Und et steht mein Name auf dem Zettel! Aber dat mit der Urne? Nee, kommt mir irgendwie seltsam vor. Ich versteh ja nix von Politik, aber seinen Zettel in irgend ne Tonne zu klopfen, is doch nicht herrschen, oder wat?
 
Aber da hat mein Mann mir wieder erklärt, dat Herrschen inner Demokratie Mit-be-stim-mung bedeutet. Hat er janz betont gesprochen. Und diese Mit-be-stim-mung würd ich wahr-neh-men, wenn ich in die Urne (is ja noch nich mal ne Urne, dat letzte Mal wars n einfacher Pappkarton mit sonnem braunem Klebeband um oben sonnem Schlitz rum) den Zettel mit dem Kreuz reinwerf. Dat wär dann meine Stimme. Wissen Se, dat is mir alles wieder viel zu hoch. Wieso heißt "herrschen" bei denen da oben "regieren" und bei uns hier unten "mitbestimmen"? Und warum zählt etwas als
  m e i n e   Stimme, meine Beteiligung, sowat Wichtiges, ohne ne Unterschrift? Hier will doch sonst jeder für jeden Pippipups ne Unterschrift ham.  Aber vielleicht is dat ja  alles längst n Relikt oder so, und die ham da oben einfach noch nich mitbekommen, dat der Kuchen aufjefressen is, und alle Welt nur noch am Tortenpapier knabbert. Na, ich glaub, so allmählich blick ich doch durch, wat Demokratie so is - oder wenigstens, wat et nich is.
Ach, mal grad n Wort zu mir, bevor Sie sich wundern, is mir schon klar - hat mein Mann mir nämlich gemeldet - dat ich sone Mischung aus Hochdeutsch und sowat wie Platt immer fabriziere. Hab zuerst gedacht, soll ich dat jetzt ändern in entweder oder in oder, hab dann aber mir einfach - ich will ja wat lernen von denen da oben - mir eben die zum Vorbild jenommen: Die reden schließlich auch mal so, mal so ...
Ach so - und dann hab ich meinen Mann mal jefracht, wie dat denn jehn soll mit der Volksherrschaft, wenn dat janze Volk anfangen würd zu herrschen, also ich mein jetzt, so richtig demokratisch zu herrschen, alle auf einmal, dann hätten wir ja nur Bürgerkriege hier. Dat wärn doch viel zu viel, und alle wollten wat anderes. Da hat er mir erklärt, dat dat Volk nu eben nicht zu verwechseln sei mit der Bevölkerung. Da wärn viel, die ja nich mitbestimmen dürften oder könnten, so Behinderte, also ich mein die mit sone Macke im Kopf, Minderjährige, Strafgefangene und viele Ausländer. Und der Rest wärn Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Arbeitslose. Die Arbeitslosen fielen aber letztlich auch untern Tisch, weil die ja nur noch janz demokratisch innen Hungerstreik treten könnten ... Im Grunde bestünde also Volk nur aus Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Ja, aber auch die schlagen sich doch noch die Köppe ein, hab ich jesacht. Da hat er nur gegrinst und jesacht: Siehste, dat is eben Demokratie, gewaltfreie Auseinandersetzung mit demokratischen Mitteln z. B. Streik. Ich hab ihn dann mal gefragt, wo dat denn gewaltfrei is. Ich mein, is ja schön, dat sie sich nich tatsächlich die Köppe einschlagen, aber brauchen wir dafür wirklich ne spezielle Demokratie? Dat man den anderen nich einfach abknallt, wenn er einem nicht passt - brauchen wir dafür ne Demokratie und n Gesetzbuch, wo drin steht, dat man dat nich darf? Nee, dat mit der Demokratie isn komisches Ding, die flutscht einem überall aus de Finger.
Also, wenn dat alles sein soll ... dann hat Demokratie mit Herrschaft jar nix zu tun. Komisch, wat? Dabei sacht dat Wort doch jenau dat aus. Aber der Anzug passt nich. Dat Volk herrscht nich, dat Volk wählt. Gut, et jibt dies demokratische Gefasel und Getue mit denen ihre Streiks und Demos und wat weiß ich,  aber dat is doch kinne Herrschaft, dat is doch jenau dat, wat man tut, wenn ma die nämlich nich hat!