Richard Winterstein
Glaubensfrage

LeRoi Jones hat ein Buch über die ungemütlichen, weil für die Schwarzen Amerikas als Erfinder des Blues ziemlich schmerzhaften, Ursprünge des Blues geschrieben ("Blues People"). LeRoi Jones ist ein Schwarzer, ein unverbesserlicher zudem, denn er hält an etwas fest, was heutzutage mächtig aus der Mode gekommen ist: seine linke politische Überzeugung. LeRoi Jones aber ist nicht nur ein Schwarzer, er ist auch ein US-amerikanischer Schwarzer, und damit gewinnt der gute Mann endgültig das Mitgefühl der 3Sat-Kulturredaktion. Denn wenn ein schwarzer US-Bürger in einer erzreligiösen und erzkonservativen Gesellschaft wie der amerikanischen seine linke Überzeugung über die Jahrzehnte, die seit den Zeiten des `der Herr hab ihn selig´-Martin Luther King vergangen sind, hinweggerettet hat, dann kann im Mutterland des christlichen Fundamentalismus nur göttliche Fügung im Spiel gewesen sein. Dann muß der linken Überzeugung des LeRoi Jones ein quasi-religiöses Fundament zugrundeliegen, denn nur ein solches vermag dem Gläubigen Halt und Trost auch in Zeiten spenden, in denen der Rest der Welt nach anderen Regeln zu ticken begonnen hat. Deshalb kann es sich bei dem LeRoi Jones auch nur um einen "bekennenden Marxisten" handeln, um einen Menschen also, der sich zu einer Religion namens "Marxismus" bekennt, weil man als Bekennender eben ein Bekenntnis ablegt zu etwas, an das man glaubt. Eben so wie der Katholik ein Bekenntnis ablegt zum Katholizismus, und dagegen kann man ja nun wirklich nichts haben. Hat der Kulturredaktör den eigentlich entsetzlich garstigen Marxismus erst mal zum Glaubensinhalt umgedeutet, ihn also seines auf Wissen beruhenden und deshalb revolutionären (pfui!) Gehalts entkleidet, läßt sich mit dem Dreckzeugs auch wieder mal ein Kulturbeitrag für den kritischen Teil der bürgerlichen Öffentlichkeit bestreiten. Denn als "bekennender Marxist" und besser noch als Amerikaner ist der LeRoi Jones ja nun wirklich keine Gefahr für dieses unser wunderbares Gemeinwesen. Wer mag sich denn schon mit einem Schwarzen, einem marxistischen obendrein, in einem Land solidarisieren, deren kritischer Intelligenz beim Stichwort "Marx" allenfalls noch "Engels" einfällt, und die für linke Nestbeschmutzer eine hinreichend erprobte Strafe bereithält, nämlich die des Totschweigens. Um der trostlosen Wüste bürgerlich-kritischen Bewußtseins ein paar linke Farbtupfer zu verpassen, spendet man dem einsamen Blümelein "bekennender Marxist" ein paar Tröpfchen Mitgefühl, auf daß es sein rotes Blütelein erhebe und kurz in die aufgehende Sonne blinzele, bevor es wieder der Mißachtung anheimfallet.

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