Richard Staab
Mein erstes Gebet unter Benedikt XVI.

„Hamse schon gehört, der Papst ist tot
Alle Katholiken sind in Not
Doch sie solln sich freuen
Denn morgen gibt’s schon wieder ’nen neuen!“
Ein Volks- oder Spottlied, anti-papistisch, aus früheren Tagen. Meine Frau lernte es noch als Kind. Und sang es zu Hause – mit ihren Eltern zur gemeinsamen Belustigung. Aber meine Frau hing auch nie irgendeiner Religion an (weder einer Volkskirche noch einer Sekte). Weder hatten ihre Eltern ihr eine verordnet noch hatte sie jemals freiwillig Sehnsucht nach einer verspürt. Somit hatte das Anti-Papistische in ihr einen natürlichen, frei-geistigen Boden. Sie wuchs außerdem in einer, religiös gesehen, protestantischen Gegend auf zu einer Zeit, als die Ökumene noch nicht das Gebot der Stunde und Kritisches gegenüber der jeweiligen Schwester-/Bruderkirche folglich noch nicht verpönt und damit verboten war. So konnte man damals noch auf eine allzu offensichtlich ewig (solange es den Katholizismus gibt) wiederkehrende Erscheinung im Wesen des Katholizismus mit einem Volkslied hinweisen, ohne damit gleich brutal aus allem Gesellschaftlichen sich ausgegrenzt zu wissen.
Die Tradition im Hause meiner Schwiegereltern setzen wir in unserem eigenen Zuhause fort. Gäbe es bloß keinen Anlass dafür! Aber der kehrt mit hässlicher Regelmäßigkeit wieder. Nur: Das Volkslied höre ich nirgendwo außerhalb meines eigenen Heims. In keiner Gasse, in keinem Cafe, in den Medien sowieso nicht.
Es scheint, als würde das spöttische Liedchen nirgendwo mehr gesungen – und wenn es so ist, straft allein das alles besorgte Gerede über die angebliche „Entchristlichung der westlichen Welt“ Lüge. Dabei ist der Inhalt dieses Volkslieds so gültig und wahr wie eh und je (im Unterschied zu den modernen für die kommerzielle Verwertung hergestellten Liedern der Musikindustrie für die Völker der Welt). Und wahrscheinlich schon deshalb so gut wie tot.
Denn – und damit zur Wahrheit dieses Volkslieds: Vor wenigen Tagen noch erfasste die katholischen Massen bodenlose Trauer, unfassbarer Schmerz, weil der alte Papst gestorben war – wenige Tage später brach eine ebensolche bodenlose, himmelhochjauchzende, zu Tränen rührende Freude, Begeisterung und Ergriffenheit unter den gerade noch Trauernden aus, weil es einen nigelnagelneuen Papst gab. Hurra! Wir haben einen neuen Papst! Hurra! Hurra!
Wie man den staatlichen und privatkapitalistisch organisierten Medien entnehmen darf, ist der neue Papst nicht nur nigelnagelneu. Sondern auch von ganz besonderer Qualität: Ein „brillanter Theoretiker“, ein „gestrenger Intellektueller“. Und im Nachsatz heißt es dann: Er „will die Frömmigkeit betonen“. Da schau her! Was heutzutage als „Theorie“ und „Intellektualität“ gilt und den Völkern dieser Welt verkauft wird: Frömmigkeit. Da passt es doch gut, dass der neue intellektuelle, theoretisch so brillante Papst anno dazumal Professor für Dogmatik war. War Dogmatik nicht mal ein Schimpfwort – wenn es gegen Linke ging, gegen Kritiker gewaltsamer Zustände schlechthin?  Dogmatisch hieß da: Die unterjochen doch das freie Denken (also unser Denken, das von vornherein brav und vertrauensselig sein will), das sind doch Leute, die mit Vor-Urteilen, eben Dogmen, Glaubensätzen auf die Welt losgehen – letztere nur durch die Brille ihrer vorgefassten Glaubenssätze wahrnehmen wollen. Bezogen auf die katholische Volkskirche und den nigelnagelneuen Papst steht das gegen Kritiker früher wohlfeile Beurteilungsschema aber Kopf: Da heißt „dogmatisch“ Hurra, Hurra – intellektuell ist er auch noch, unser Papa!
Und wer beurteilt die „theoretische“ Ver-, pardon: Beschlagenheit des alten Joseph Ratzinger und neuen Benedikt XVI.? Ein politisch ziemlich Unverdächtiger, von mir persönlich sehr Geschätzter, ein gewisser Philosoph Arthur Schopenhauer (ein heutzutage toter Hund aus dem vorletzten Jahrhundert) schrieb einmal, dass Maulwürfe einen Berg gar nicht erkennen können. Sie erkennen nur Maulwurfhügel, die sie für Berge halten. Ein Mensch kann den geistigen Gehalt eines anderen nur erkennen, wenn er ihn nachvollziehen kann (zustimmend oder kritisierend). Folglich müssten Abertausende von Medienfachleuten, Kirchenangestellten, Berufspolitikern und Gläubigen aus dem katholischen Fußvolk selber so „theoretisch brillant“ sein, um die „Brillanz“ des neuen Führers der katholischen Kirche zu erkennen. Dann wäre der neue Führer aber gar nichts Besonderes, würde sich aus der breiten Masse ja gar nicht herausheben, oder? Es handelt sich also um den üblichen Personenkult. Führerkult. Bei der Ausrufung der überragenden Eigenschaft des Kopfes von Herrn Joseph Ratzinger.
Weihrauch in Worten gehört eben zum Geklingel. Dem Geschäft der Macht. Aura, Charisma, Verehrungswürdiges braucht nun mal jeder Papa, ein nigelnagelneuer davon am allermeisten. Hier handelt es sich um die Einkleidung eines neuen Kaisers. Damit er nicht nackt da steht. Abertausende von Berufseinkleidern stehen bereit, ihre Pflicht, ihr Geschäft zu erledigen. Zu Ehren des neuen Führers? Wohl eher zur Sicherung der Amtskirche, der dieser nun vorsteht.
Der Führer, der neue Pontifex der katholischen Kirche war übrigens nicht bloß Professor für Dogmatik. Sondern auch Präfekt der Glaubenskongregation. Das ist die Nachfolgeorganisation der ehemaligen Inquisition. Richtig, die Inquisition, die HEILIG genannt wurde. Die blutrünstig war. Gnaden- und erbarmungslos. Vernichtete. Anderes, nicht christlich-katholisches Denken verfolgte, unterdrückte. Folterte, mordete. Auch vergewaltigte. Nicht bloß Bücher verbrannte. Sondern auch Menschen. Bei lebendigem Leib. Andersgläubige. Nichtgläubige. Einfache Menschen. Wissenschaftler. Nein, nein. Nicht Leute wie Herrn Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI., der ja als „theoretisch“ so „brillant“ umjubelt wird, sondern Leute, die das Denken und ihre Wissenschaft ernst nahmen. Wenn sie nicht grausam sterben wollten, mussten sie ihrem nach Ansicht der katholischen Kirche irrigen Denken abschwören, der heiligen römischen Kirche und ihrer Inquisition, deren weltumspannendem („katholisch“ = die ganze Erde umfassend (Duden)) Machtanspruch zu Kreuze kriechen.
Lesetipp: Bertolt Brecht, Leben des Galilei.
Erst vor wenigen Jahren exkulpierte (!) der Heilige Stuhl den malträtierten Galilei. Nach vielen Jahrhunderten. Soll man der katholischen Kirche dafür dankbar sein? Dass sie gegen das Ende des 20. Jahrhunderts wie ein Schachspieler den taktischen Spielzug machte und Galilei für „unschuldig“ erklärte, damit sie in den Augen der „modernen“ Öffentlichkeit nicht allzu offenkundig reaktionär und den Geist der Welt verblödend dasteht?
Ein niederbayerischer Verwandter meiner Schwiegermutter meinte zu dieser kürzlich: „Wenn der Ratzinger Papst wird, dann brennen wir alle!“ Er meinte: auf dem Scheiterhaufen. Das halte ich für übertrieben. Das Geschäft des Verbrennens übernehmen heute nämlich andere. Richtig aber ist, dass Herr Joseph Ratzinger, katholischer Bayer, Professor für Dogmatik, Präfekt der Glaubenskongregation und nun ein nigelnagelneuer „(Ober-)Arbeiter im Weingarten des Herrn“, der Chuzpe genug hat, sich Benedikt („gesegnet“) zu nennen, ein würdiger Nachfolger des heiligen Geists der Inquisition ist. Und vielleicht wird so ein Schuh draus: Dass es sehr viel über die heutigen modernen Zustände in unserer westlichen Zivilisation aussagt, wenn ein Sohn der Heiligen  Inquisition als „brillanter Theoretiker“ und „gestrenger Intellektueller“ in den Medien gefeiert wird. Haben wir damit nicht ein wunderbares Pendant zum missionarischen Fundamentalisten George W. Bush aus den Vereinigten Staaten von Amerika?
Wir brauchen uns also nicht mehr zu verstecken.
Und in Deutschland können wir ganz besonders stolz sein. Hurra! Hurra! Der Papa ist ein Deutscher! So das interviewte einfache Volk in den Medien, so seine Vertreter in der Berufspolitik. So groß ist die Freude, dass „wir“ seit beinahe 500 Jahren wieder einen deutschen Papst haben, dass man gar nicht die Augen davor verschließen kann, dass es im breiten Bewusstsein, zumindest dem medial aufbereiteten, etwas noch Wichtigeres als die katholische Kirche und ihren Stellvertreter Gottes gibt: nämlich den Nationalismus. Der nigelnagelneue Papst ist deutsch! Ein Deutscher!
Bitte alle erheben! Und ruhig öffentlich weinen. Vor Freude.
„Wir sind Papst!“ titelt Bild – und alle anderen Medien denken, wenn vielleicht auch theoretisch noch brillanter, ebenso.
Erste Meldungen aus Asien und vor allem Südamerika besagen, dass sich unter die große katholische Freude auch etwas Trauer mischt. Wie das! Ah ja. Der Grund ist derselbe wie beim deutschen Entzücktsein: purer Nationalismus. Die hatten vergebens gehofft, einen Papa aus dem eigenen Land, wenigstens dem eigenen Kontinent zu bekommen.
Kommt Zeit, kommt neuer weißer Rauch. Denn – allen südamerikanischen und sonstigen nichtdeutschen Katholiken zum Trost: Auch Herr Joseph Ratzinger, pardon: Benedikt XVI. lebt nicht ewig. Ihr dürft euch wieder in Trauer und dann in Freude stürzen. Und vielleicht gibt es ja dann endlich Sambatänze ohne Ende – und berauschende Bilder, von den Medien in alle Ecken dieser Erdkugel ausgestrahlt, Farben, Trommelklänge und Worte voller Ergriffenheit und Freude. Nur, leider: In diesem Jahr hat es dafür noch nicht gereicht. Die Kardinäle in Rom setzten auf ebenso gestrengen wie brillanten deutschen Geist, bloß Samba und offen sexuell zur Schau gestellte Lebensfreude und Tanz in den Straßen der so genannten Armenviertel genügten – noch – nicht. Vielleicht wandelt sich die Kirche ja noch! So rechtzeitig, dass wir auch das noch erleben.

PS: Ich glaube übrigens nicht, dass Gott auf der Seite des Herrn Joseph Ratzinger steht. Sie fragen: Warum? Ich sagte doch: Ich glaube.
Und möchte hinzufügen, dass dieser Glaube tief in mir verankert ist. Ich erlebe ihn als eine Offenbarung und Gnade.
Eine Erfahrung wie diese ist nicht mitteilbar. Höchstens in manisch entzückten Worten. Sie ist ein Geschenk, das den Beschenkten auszeichnet – in aller Bescheidenheit sei es gesagt.
Allerdings, und das erhebt mich noch über die tiefen Glaubensoffenbarungen anderer Mitgläubiger, habe ich sogar ein Argument für meinen Glauben, dass Gott nicht auf der Seite des Herrn Joseph Ratzinger steht. Das verrate ich später, glauben Sie mir, es wird schlagend sein, weil ein sichtbarer Beweis. Vielleicht in vier bis fünf Monaten wird nach meinen heutigen Überlegungen die Zeit reif dafür sein, und verkünden werde ich die Offenbarung in einem Kapitel meines Romans „Joe Link“. Aber bitte: Lesen Sie ruhig auch die vorhergehenden Kapitel bereits aufmerksam, denn diese werden Sie vorbereiten, und wer weiß, vielleicht bricht sich die göttliche Offenbarung in mir auch schon früher Bahn – und Sie würden die Offenbarung, die die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern wird, versäumen.
Amen.


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