Richard Winterstein
... Schuß und: Tooooor!!!

Verstehe einer noch die Welt: da müht sich die wackere Regierung mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften, dem lahmenden Kapital endlich wieder zu neuer Blüte zu verhelfen, indem sie die in unverschämte Höhen geschossenen Ansprüche der Arbeiterschaft auf ein dem Profit zuträgliches Niveau runterzureformieren versucht, sich also keine gesetzgeberische Möglichkeit durch die Lappen gehen läßt, um der Geschäftemacherei durch die Verarmung der Lohnarbeiterschaft neue lukrative Gelegenheiten zu eröffnen, da ertönt ein entsetzter öffentlicher Aufschrei über eine andere Form der Geschäftsförderung, die an Effizienz kaum zu überbieten ist.
Worum geht´s? Hierzulande ist es ja so, daß wenn einer viel verdient, ihm das als öffentliches Verdienst angerechnet wird. Das gilt für einen Bohlen genauso wie für einen Pischetsrieder, für einen Beckenbauer genauso wie für einen Ackermann. Und das gilt halt auch für einen Wildmoser. Wenngleich es da eine mitunter wechselnde Schmerzgrenze gibt: Wenn zum Beispiel ein Klaus Esser bei einer Betriebsübernahme 60 Millionen Euro kassiert, dann verstößt das eindeutig gegen die guten Sitten. Hätte er sich mit 59 Millionen beschieden, hätte kein Hahn danach gekräht. Aber das steht auf einem andern Blatt.
Zurück zum Thema: Weil nun aber der Wildmoser nicht genug kriegen konnte an öffentlicher Anerkennung, hat der sich wahrscheinlich gedacht: wenn das so ist, dann kann ich mein öffentliches Verdienst noch viel mehr steigern, wenn ich auch meinen finanziellen Verdienst steigere! Und weil ihm das auf ehrliche Art und Weise halt nicht so richtig gelingen wollte, entschloß er sich dazu, die nächstbeste günstige Gelegenheit für einen nicht ganz sauberen, aber dennoch ziemlich lukrativen Deal auszunützen. Daß sich darüber jetzt so aufgeregt wird, ist nur schwer zu verstehen, denn der gute Mann hat doch nur das getan, was andere auch tun, nämlich sich nach allen Regeln der Kunst auf Kosten anderer zu bereichern. Und das gilt, wie gesagt, als ein großes öffentliches, ja sogar nationales Verdienst.
Der Wildmoser hat es sich also nicht nehmen lassen, sein Insiderwissen in einen Geschäftsvorteil zu verwandeln, der sich in barer Münze auszahlen sollte. Er sorgte dafür, daß jene Baufirma den Auftrag für das neue Münchner WM-Fußballstadion erhielt, die ihm eine Vermittlungsprovision in Aussicht stellte, auch wenn diese im Planspiel der politischen Drahtzieher des Stadionneubaues nicht vorgesehen war. Nun sind Provisionen, d.h. Vergütungen, die der Geschäftsanbahnung förderlich sind, keineswegs und grundsätzlich mit dem Bannfluch des Unmoralischen und Ungesetzlichen belegt. Denn auch eine Regierung bzw. bevorzugt die an der Regierung beteiligten Parteien dürfen mit finanzieller und moralischer Unterstützung der geschäftlichen Nutznießer rechnen, wenn sie sich für deren Anliegen, nämlich neue Profitquellen zu erschließen, mehr oder weniger mächtig ins Zeug legen. Die Formen der legalen Vergütungen sind vielfältig, sie reichen von offiziellen Parteispenden über zugeschusterte Aufsichtsratsposten für die Politiker bis hin zu öffentlicher Duldung oder gar propagandistischer Unterstützung der jeweiligen Regierungsvorhaben. Dem Idealismus staatlicher Funktionäre, die zwischen Bestechung und staatsraisonerhaltender Verzichtsmoral durchaus zu unterscheiden wissen, tut dies keinen Abbruch, denn es wird fein unterschieden zwischen moralisch einwandfreien und moralisch verwerflichen Zuwendungen. Ein Staatsdiener hat nun mal dem Gemeinwohl zu dienen, dem ja auch die private unternehmerische Bereicherung verpflichtet ist, und das schließt die Annahme von Bestechungsgeldern selbstredend von vornherein aus.
Der Wildmoser als Geschäftsführer der für den Stadionbau verantwortlichen Betriebsgesellschaft hat genaugenommen nichts anderes getan, als einer interessierten Baufirma zu einem lukrativen Geschäft zu verhelfen, indem er auf seine private Tour in den Auswahlprozeß eingegriffen hat. Und er hat sich diesen Dienst belohnen lassen, denn kein Dienst ohne Gegenleistung. Da ihm wohl bewußt war, daß die Grundlagen für diese Geschäftsgelegenheit von ganz anderen Leuten geschaffen worden sind als von ihm selber, nämlich von den Parteien, die in München das Sagen haben, wickelte er die geschäftsanbahnende Angelegenheit eben heimlich und unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab. Ihm dürfte auch klar gewesen sein, daß die politischen Entscheidungsträger der Stadionangelegenheit überhaupt kein Interesse daran haben würden, sich die politischen Lorbeeren für das große Geschäft mit der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft durch einen ausgefuchsten Geschäftsührer, der mittels Mauscheleien rund um den Stadionsneubau ein paar Extratantiemen einheimsen wollte, zunichte machen zu lassen. Doch kein Geschäft ohne unternehmerisches Risiko, das einzugehen der Wildmoser sich nicht gescheut hat. Leider war er halt doch nicht schlau genug, und die Geschichte kam raus. Wäre der Deal nicht aufgeflogen, hätte es am Ende über das fertige Stadion nur glückliche Gesichter gegeben. Das Geld hätte auch so den Gang genommen, den es immer nimmt, nämlich von unten nach oben in die Geldsäcke der Reichen hinein. Wozu also die ganze Aufregung? Und hat nicht der Münchner OB selbst gesagt, dem Steuerzahler wäre durch den Schwindel überhaupt kein Schaden entstanden? Na also, dann sind wir ja noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.
Aber irgendwie wurmt´s den unbeteiligten Zuschauer dann doch, daß sich da einer was rausgenommen hat, was sich einfach nicht gehört, zumindest so nicht gehört. Heutzutage sind die Fußballer und ihre Funktionäre doch nur noch von einem Wunsch besessen, nämlich von der Gier nach immer mehr Geld. Früher war das alles viel besser, da wurde Fußball um des Fußballs willen gespielt, da begnügte man sich noch mit der Ehre, Mitglied einer national oder international erfolgreichen Mannschaft zu sein und im übrigen ein eher bescheidenes Spielersalär zu beziehen. Heute aber geht es den Spielern und Funktionären doch nur noch um´s Geld, wodurch sich der wirkliche Fußballfan aber auf keinen Fall von seiner Fußballbegeisterung abbringen läßt. Vielmehr hat er jetzt einen handfesten Grund, die Leistungsansprüche, die ihm tagtäglich vom Arbeitgeber aufgetischt werden, nun auch seiner Lieblingsmannschaft gegenüber in Anschlag zu bringen: Für das viele Geld, das ihr verdient, müßt ihr eine Top-Leistung erbringen, sonst bin ich mit euch unzufrieden! Daß zwischen dem Gehalt eines Bundesligaspielers und seinem eigenen Lohnarbeiter- oder Arbeitslosengehalt ein nicht unbeträchtlicher Mengenunterschied besteht, vermag einen echten Fan nicht irre zu machen, ist ein millionenschweres Jahresgehalt doch auch Ausdruck der Wertschätzung, die eine begeisterte Fußballöffentlichkeit einem guten Fußballer oder einer erfolgreichen Mannschaft entgegenbringt. Eine große Leistung soll und darf eben auch groß entlohnt werden, selbst wenn der eigene Arbeitgeber oder das Arbeitsamt das so nie unterschreiben würde. Und weil der echte Fan ja nicht auf den Kopf gefallen ist, räumt er eventuell aufkommende Zweifel über den Unterschied zwischen dem eigenen Gehalt und dem seiner Fußballstars mit leichter Hand aus der Welt: Meine Stars verdienen zwar unverschämt viel Geld, und dieses Geld ist genaugenommen nie und nimmer mit dem Wert irgendeiner spielerischen Leistungen gleichzusetzen, aber weil dem nun eben mal so ist und man das sowieso nicht ändern kann, hat das alles schon irgendwie auch so seine Richtigkeit. Denn man bedenke folgendes: Wenn die Spieler meiner Mannschaft siegen, dann färbt deren Siegerglanz ja auch auf mich ab. Dann kann ich stolz sagen: Schaut her, das ist meine Mannschaft! Und wenn es sich dann gar um die siegreiche eigene Nationalmannschaft handelt, dann verbietet sich von vornherein jegliche kleinkarierte Aufrechnerei, denn dann geht´s sowieso um unsere nationale Ehre. Und die ist uns noch jedes Opfer Wert!

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