Wenn man den alten Globus so betrachtet, bemerkt man, aha,
Europa, das ist ja eine Halbinsel. War mal! Denn eines
halbwegs schönen Tages - es war ausgerechnet wieder mal
Europawahl - gefiel es einem mächtigen Meteoriten, in der
Gegend zwischen Polen und dem Ural hernieder zu fallen, die
Halbinsel Europa brach vom eurasischen Land ab und ward fortan
keine halbe Insel mehr, sondern eine ganze. Zum ersten Mal in
seiner Geschichte war aus Europa nichts Halbes, nein, etwas
Ganzes geworden. Der entstandene Graben füllte sich alsbald
mit den überschüssigen Wassern der Weltmeere, und der
Meeresspiegel sank weltweit zunächst, was nach seinem Anstieg
durch die zumindest klimatisch sauwarme Zeit auch gar kein
Schaden war, und die Küstenstädte der Welt atmeten kurzfristig
auf. Endlich hatte Europa mal was Nützliches zu Stande
gebracht, auch wenn es gar nichts dafür konnte. Sogar in
dieser neuen Verfassung Europas versuchten die Vertreter der
Inselstaaten verzweifelt eine gemeinsame Verfassung zu
verfassen, fassten sich zuweilen ans Hirn oder fasteten
geistig. Fast ist´s dann was geworden mit einer fast
gemeinsamen Verfassung. Die umständlichen neuen Umstände halt
...
Schließlich umspülte jetzt ein neues Meer die östlichsten
Grenzen des Kontinents, und die Anrainerstaaten im Osten
nahmen die Chance sofort wahr, um ihren angestauten Müll, wie
zerbröselte Ostblöckchen oder gar alte, klapprige AKWs, hinein
zu kippen. Auch klappte es im neuen Meer hervorragend, Öle
aller Art darin zu verklappen, denn das neue Meer gehörte ja
noch niemand. Wie üblich scherte sich keiner was drum, nur
Deutschland scherte, und zwar wieder mal aus, und es erließ
eine Steuer aufs Verklappen, die Verklappungssteuer. Die Idee
fand bei den anderen Neuinsel-Europäern großen Anklang, und so
folgten sie diesmal dem Vorreiter Deutschland in Sachen
Umweltschutz und erhoben ebenfalls ökologische Steuern, weil
nur Steuern der Umwelt nützen, besonders der Umgebung von
Finanzministerien und, eine viel bestaunte deutsche
Besonderheit, dem Niveau von Rentenbeiträgen.
Niemand bemerkte, wohin man eigentlich steuerte. Die Insel
Europa machte nämlich nicht Halt auf ihrer Drift nach Westen.
Manchen, wie zum Beispiel Polen, den baltischen Staaten (an
den neuen Ufern) und auch Tschechien oder Bulgarien, konnte
die Westdrift nicht schnell genug gehen. Viel schneller noch
hatten sie von Kerneuropa gelernt, und sie beantragten in
Brüssel die Einführung einer europäischen Reisesteuer für die
Fahrt auf der Insel für alle Beteiligten, und somit die
Erhebung der Bevölkerung in den Status einer
Reisegesellschaft. Der Antrag wurde einstimmig genehmigt, so
wie in ähnlich zünftigen Angelegenheiten Europa schon früher
immer vereint war. Außerdem, Reisen bildet, und Deutschlands
Kultusministerien pilgerten zum Dank scharenweise nach
PISA.
Nur Italiens Regierung bummelte mal wieder herum und wartete
erst mal ab, wohin die Reise gehen sollte, um eine neue
Regierung nach den gebotenen Umständen zu bilden, oder auch
nicht, oder geschlossen zurückzutreten ...
Spanien, Portugal und Griechenland motzten zwar, weil ihre
Strände plötzlich von Touristen leergefegt waren, denn alle
wollten an die neuen Gestade im Osten. Aber die Idioten würden
schon zurückkommen, grinsten sie, wenn sie merken, welch
kalter Wind ihnen dort ins verdutzte Gesicht bläst.
Österreich war´s eh´ wurscht, solange man in den Bergen noch
genug Schneereste für Weltcuprennen fand, und keiner eine
Steuer auf Schneekanonen erfand.
Großbritannien war schon immer eine Insel, und das wackelnde
Königshaus gab bekannt, naja, dann werden Wir Uns halt dem
restlichen Eiland anschließen und mal über Unsere Währung
nachdenken.
Ganz Frankreich trank solange Rotwein, bis selbst der
Präsident vergaß, wo er zuletzt eine Atombombe testhalber
hatte hochgehen lassen.
Die Schweiz betrachtete sich als „Blinder Passagier“, konnte
aber auf Grund der exponierten Lage nicht zurück und nannte
sich von nun an trotzig „Insel der Seligen“. Als einzige auf
der Insel Europa nämlich erhoben sie keine neuen Steuern,
sondern nahmen Almosen von armen Viechern wie Industriehaien,
Baulöwen oder komischen Vögeln wie General-Sekretären, die
sich sowohl den neuen als auch den alten Steuern entziehen
konnten und ihre rabenschwarze Kohle lieber den Schweizern
spendeten. Die parkten dann zum Dank die fetten Briketts
liebevoll in ihren Kohlekellern, die sie sinnigerweise
Park-Banken nannten, und versahen die Lagerstätten mit
Nummern, – konnten also von bösewichtigen Finanz-Terriern
nicht erschnüffelt werden.
Nun aber begab es sich, dass die einige Insel Europa plötzlich
ein bisserl isoliert im Atlantik herum eierte,
orientierungslos, wie schon zu Zeiten, als im Orient noch was
los war und ein gewisser US-Präsi dort Unruhe stiftete, und
der eine oder andere europäische Regierungsboss die
rückseitige Körperöffnung dieses Präsis aufsuchte, wo man sich
traf und wegen der schlechten Luft da drin halluzinierte und
etwas von Massenvernichtungswaffen schwafelte, die jetzt ganz
gewiss und im Orient, express sogar, versteckt wären, weil man
die doch selbst einst dorthin verscherbelt hatte. Andere
setzten sich lieber in die Nesseln beim Präsi und vermieden es
kess, den ihnen angebotenen Platz in der Hinterseite des
Präsis anzunehmen, der darüber einen feuchten, schmatzenden
Schmollmund zog. Doch auch diesen Ringmuskel wollten die
standhaften Widerspenstigen nicht küssen. Aber das war ja,
bevor Europa zur treibenden Insel wurde. Das alte Europa.
Je näher die Insel gen Amerika schwamm, um so mehr wurden sich
die Politiker aller europäischen Inselstaaten einig, man müsse
sich nun endlich den globalen Gegebenheiten anpassen und mal
schauen, was denn der bald zu erwartende große Nachbar gerade
so macht. Als dann genügend abgeschaut war, entstanden billige
Heerscharen von Arbeitskräften, die man auch gern
untereinander auslieh, und deren Löhne an ehemalige
Nichtinsel-Mitgliedstaaten wie Polen erinnerten und die
Managergehälter an das Jahreseinkommen des Scheichs von Dubai.
Was brauchten die Arbeiter und Bauern auch noch übriges Geld
wie zum Beispiel für Urlaub, man war ja sowieso schon
unterwegs... Nur mit der Konjunktur, verflixt, ging´s nicht
aufwärts, weil keiner mehr was kaufen wollte oder konnte, bis
man, vielleicht in ferner Zukunft, mal am Ende der Reise
ankommen würde.
Kurz vor Amerika schaute so mancher wehmütig zurück nach
Osten, wo sich nun der große Ozean auftat, und einige
beschlich das unbestimmte Gefühl von Leere. Ein großes Loch
wünschte sich der eine oder andere Insel-Bürger, der brav
seine Steuern und immer seine Stimme abgegeben hatte, bis er
sie ganz verloren hatte, ein tiefes Loch, und das Hindernis
für das auf- und niederschaukelnde, dahintreibende Europa,
Amerika, möge darin versinken, damit man immer weiter driften
konnte, westwärts bis in die Südsee, wo man Anker werfen, sich
die Sonne auf den Bauch scheinen lassen konnte und einen
Inselchef mit Blumenkranz im ungefärbten schwarzen Haar
wählen, oder einen gelifteten Silvio im Baströckchen ...
Aber so weit ward es wohl nicht gekommen. Die Insel Europa
stand nun direkt vor Amerikas noch immer leicht verschnupfter
Nase, fast wie einst Columbus, und genau so beinahe wie der,
glaubte man, im Paradies gelandet zu sein. Bis ein Ureinwohner
von körperlich kleiner Gestalt, der sich anmaßte, der
Häuptling Amerikas (gewesen) zu sein, zur Begrüßung des alten,
neuen Europas am Strand auftauchte, seinen Zeigefinger erhob
und mit martialischer Stimme seine ihm eigene Begrüßungsformel
nuschelte: „Ladies and Gentlemen, - the game is over!“