Karl Feldkamp
Vom Baume politischer Erkenntnis

Keine Sorge, ich will mich weder über ein Paradies für Politikerinnen und Politiker auslassen, noch habe ich vor, mich an deren Nudität zu ergötzen. Macht soll zwar angeblich sexy machen. Aber vermutlich handelt es sich dabei nur um archaische Überreste jenes Schutzbedürfnisses menschlicher Weibchen, die einst sich und ihre Nachkömmlinge aus Überlebensgründen gern dem Schutz potenter Machthaber unterstellten. Heute ist gelegentlich selbst Brutpflege Männersache.
Und welche Politiker, frage ich Sie, verfügen in unseren unsicheren Zeiten, in denen nahezu ausschließlich Wirtschaftsbosse regieren, überhaupt noch über reale Macht? Auf Machtgebaren verzichten sie deswegen zwar nicht, selbst wenn das zu hohlem Balzverhalten verkommt. Potenz wird durch mehr oder minder wirkungsvolle Show-Elemente vorgegaukelt, damit der Verdacht fortschreitender Impotenz ja nicht aufkomme.
Noch nie hörte ich von gerupften Gockeln, die sich besonders lange künstliche Schwanzfedern einsetzen ließen. Politiker, die bei ständig zunehmender Arbeitslosigkeit den Zuwachs an neuen Arbeitsstellen versprechen, höre ich täglich tönen.
Dabei sind deren Machtmittel – sprich Finanzen – naturgemäß zumeist geliehen, vom Volk als Steuern zu (leider oft un-)treuen Händen übergeben und gelegentlich gar auf kriminellen oder wenigstens moralisch nicht ganz einwandfreien Wegen beschafft.
Entschuldigung! Nun habe ich mich schon wieder hinreißen lassen, über Politiker-Potenz abzulästern. Eigentlich will ich hier nur spekulieren, wann sich Politikerinnen und Politiker tatsächlich nackt fühlen. Dabei werde ich jedes Urteil über die ästhetische Attraktivität einzelner politischer Akteurinnen und Akteure vermeiden. Auch Politiker/innen haben ein Recht auf Privatsphäre und ästhetische sind ohnehin Fragen des persönlichen Geschmacks.
Fühlen sich, komme ich jetzt auf meine eigentliche Frage, Polit-Profis bereits entblößt, wenn sie sich sämtlicher Kleider entledigt haben. Nein. Auch nackte Politiker/innen sind natürlich immer noch Politiker/innen. Ich vermute, schutzlos und damit schonungslos bloß fühlen die sich erst, wenn sie ohne jegliche Macht, auch ohne jegliche eingebildete Macht, vor denen stehen, die sich für die ohnmächtigeren Volksangehörigen halten sollen.
Welchem Politiker und welcher Politikerin ist es zuzumuten, sich bis zum politischen Identitätsverlust auszuziehen oder gar ausziehen zu lassen?
Das deutsche Staatsvolk neigt selten zu solcher Grausamkeit. Lieber spielt es in unserem von Legislaturperiode zu Legislaturperiode mehr zum Operettenstaat mutierenden Staatsgebilde mit seinen vermeintlichen Machthaber/innen die Märchenoperette „Des Kaisers neue Kleider“. Weniger traditionell hieße das Märchen heute besser „Des Kanzlers ...“ oder gar „Der Kanzlerin neue Kleider“.
Längst reicht das Haushaltsgeld der Operetten-Kanzlerin nicht mehr, um sich in sichtbare Roben der Macht zu kleiden. Da aber Einbildung zunächst nichts kostet, genügt es, wenn die Demokraten im Lande ihrer Regentin das Gefühl geben, machtvoll ausstaffiert zu sein.
Nun will ich immer noch keinen indiskreten Blick riskieren. Aber genau betrachtet (von denen, die es sehen wollen), trägt sie weder etwas darüber noch darunter.
Und jetzt meine entscheidende Frage: Welche Frucht von welchem Baum sollte sie essen, um selbst zu erkennen, dass sie wirklich nackt ist?
Muss der Baum der Erkenntnis gar erst im Garten des Kanzler(-innen-)amtes oder im Zentrum des Bundes(-reichs-)tages in die Heimaterde der Abgeordneten gepflanzt werden? Und wer sollte den pflanzen? Gott wird – selbst bei einer christlich-demokratischen Kanzlerin – kaum ein zweites Mal der menschlichen Erkenntnis derart eindeutig nachhelfen wollen. Vielleicht enthält die Abgeordneten-Heimaterde zufällig den Samen eines deutschen Apfelbaumes. Doch auf Zufälle verlässt sich die Politik aus Gründen der Glaubwürdigkeit ungern. Sie gibt sich mit Vorliebe den Anschein, Zukunft verlässlich vorhersagen zu können.
Selbst wenn ein mit europäischen Agrarsubventionen geförderter und von einem deutschen Obstbauern gezüchteter, gepflanzter und gepflegter Apfelbaum am Orte politischer Machtausübung wachsen würde, fehlt noch immer die verführende Schlange. Aber womit sollte die Opposition verführen? Gottes Opposition, der Teufel hatte Macht. Die politische Opposition hätte sie gern von der Regierung, die eigentlich auch keine hat.
Ein reicher Lobbyist wäre sicherlich ein erfolgreicher Verführer. Aber ob der sich als Schlange auf dem Bauch kriechend den zu Verführenden nähern würde? Und womit sollte das Reptil den Geldkoffer tragen? Ein Apfel – selbst ein goldener – stellt keine Anreiz mehr dar. Lassen wir den Verführer also lieber aus der Opposition kommen. Die kann nur ein wahres Interesse haben: Vertreter/innen der Regierungspartei mit dem Apfel der Allmacht in die Ohnmacht zu locken. Oppositionspolitiker, die stets fest daran glauben, nur zeitweilig auf die Regierungsmacht verzichten zu müssen, wollen nichts lieber, als an die Macht, und das, obwohl sie ahnen, dass auch ihr Biss in den Apfel sie wiederum zur Erkenntnis eigener Ohnmacht führen wird.
Aber das hat noch Zeit. Hauptsache, sie kommen erst einmal wieder an die Regierung. Im Regierungslager erträgt sich Ohnmacht wesentlich besser. Da die Opposition keine Ministergehälter zu vergeben hat, wird Ohnmacht im Regierungslager einfach viel besser bezahlt. Und anschließend gibt es noch die lukrativen Beraterverträge von denen, die wirklich Macht im Staate – und nicht nur dort - haben.


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