Christian Bartel
Deutschland liebhaben

Die Pisa-Studie gefällt mir.
Es ist schön, daß Deutschland jetzt mit charmanten Schurkenstaaten wie Griechenland, Polen und Italien auf den hinteren Bänken die Füße hochlegt und den Unterricht stört, während vorne doofe Streberstaaten wie Korea, Kanada oder Finnland um die Wette schnipsen, weil sie alle Antworten wissen und finden, Wettbewerb muß sein.
Von Finnland bin ich besonders enttäuscht, ich habe mir nämlich jahrelang vom Herrn Kaurismäki vormachen lassen, sein Land sei so eine Art Ostblock in lustig, ein Erlebnispark für sentimentale Schnapstrinker. Ich habe gedacht, die Finnen seien derart mit der Herstellung von Melancholie beschäftigt, daß sie nicht einmal ein Autoverdeck alleine zubekämen, reden täten sie nur im äußersten Notfall und an Arbeit wäre gar nicht zu denken, weil sie morgens so müde vom Schnaps und vom Tangotanzen sind. Doch weit gefehlt.
Der Finne hockt in einem gut gelüfteten Mehrzweckland am Rande Europas und langweilt sich scheußlich, weil der Staatshaushalt grauenhaft solide, alle Handies zusammengeschraubt und alle Rentiere schon gekämmt sind. Da geht er dann hin und hält seine Kinder bis zum späten Nachmittag in der Schule fest, wo sie dann alle so schnell Lesen lernen müssen, daß sie sogar den Schweden im Pisa-Ranking abhängen können.
Das ist die einzige Freude, die der Finne noch im Leben hat, schneller lesen können als der Schwede. Ist das nicht traurig?
Viel schöner ist es doch bei uns zu Hause.
Viel schöner aber ist es noch hinter den sieben Bergen in Luxemburg, die sind nämlich sogar hintervorletzte geworden, und zwar in allem: Lesen, Mathe und Naturwissenschaften.
Das einzige, was man in Luxemburg in der Schule lernt, ist das Bankgeheimnis, aber das darf man natürlich nicht weiter sagen und der Rest des Tages ist dann frei.
Deutschland hat kein Bankgeheimnis, von dem man so gut leben könnte, deshalb regen sich einige Leute auf wegen der schlechten Schulen, weil es herrscht ja allenthalben ein Wettbewerb.
Wann dieser Wettbewerb endet und was man gewinnen kann, weiß ich nicht, aber die Pisa-Studie scheint so etwas wie ein Zwischenergebnis gewesen zu sein. Und Deutschland liegt auf Rang zwanzig bis einundzwanzig, das ist mehr so hinten.
Jetzt wird ausgesiebt, meine Damen und Herren, rufen die Mahner und erheben den knochigen Zeigefinger. Und wenn Deutschland sich jetzt nicht auf den Hosenboden setzt und büffelt, dann muß es auf die Hauptschule und da sind nur Ausländer, die ziehen das Niveau total runter. Mit sowas kriegt man die Leute immer, davon lassen sie sich ganz leicht ins Bockshorn jagen.
Dabei sind wir wirklich nur von ganz formidablen Ländern umgeben hier am unteren Ende der Pisa-Skala. Die meisten von ihnen liegen am Mittelmeer und sind so schön, daß es auf sie Lobeshymnen sonder Zahl gibt.
Goethe fand Platz 20 (Italien) super, George Orwell war voller Liebe für Platz 18 (Spanien) und Lord Byron gab sogar sein Leben für Platz 25 (Griechenland).
Aber statt auf diese Geistesheroen so hören und voller Stolz zu sagen, „Jawohl, mein Vaterland liegt bildungspolitisch da, wo die Zitronen blühen.“ ducken die Deutschen sich hin und versuchen Ländern nachzueifern, die kein Schwein je besungen hat, weil sie entweder nur aus Wald bestehen, total verbaut oder nur halbjährig beleuchtet sind.  Die Leute in diesen Ländern bringen sich Kunststückchen bei, weil es bei ihnen so langweilig ist.
Natürlich löst der Schüler im kanadischen Sasketchewan für sein Leben gern Matheaufgaben, was soll er auch sonst tun, er sitzt auf einem Floß in einem Meer von Weizen und einmal in der Woche kommt ein Zug vorbei.
Sein Kollege in Rom oder Lissabon hat gar keine Zeit für solche Mätzchen, er wohnt ja auch in einer architektonisch ansprechenden Stadt mit Bombenwetter, exzellenter Küche und dem Meer in Reichweite.
Und in dieser Liga darf Deutschland jetzt mitspielen. Man sollte sofort einen neuen Feiertag aufmachen, vielleicht sogar ein Gläschen Sekt. Statt dessen lassen sich die Leute kirre machen, weil wieder jemand „Wettbewerbsnachteil“ gesagt hat.
Da haben die Leute natürlich Angst vor und machen deswegen mehr oder minder seltsame Vorschläge, wie man eventuell auch so schnell im Lesen werden könnte wie der Finne.
Einige ältere Herrschaften sagen jetzt, die Kinder sollen sich erstmal was anderes anziehen. Was Anständiges nämlich. Sie finden vor allem, daß die Mädchen sich was anderes anziehen sollen, denn daß, was die jetzt anhaben, gefällt den älteren Herren nicht. Es ist zu bunt und man sieht den Bauchnabel.
Vor allem Willi Lemke, der die Schulen des Erfolgsbundeslandes Bremen betreut, möchte keine Mädchennäbel mehr sehen. Das hat er ganz laut ins Sommerloch gebrüllt.
Lieber will er Schuluniformen sehen, wie zum Beispiel im Video der russischen Gruppe t.a.t.u, obwohl dort auch Bauchnäbel herumhüpfen.
Seltsamerweise hat Rußland trotzdem nicht so gut im Pisa-Test abgeschnitten, obwohl dort selbst gestandene Popkünstlerinnen die Schultrachten anlegen, um die vaterländische Lesegeschwindigkeit der des Finnen anzugleichen. Vielleicht wirken die Uniformen aber nicht, wenn man die Blusen so komisch knotet. Man weiß es nicht.
Generell aber muß gewarnt werden: wenn ältere Herren jungen Mädchen empfehlen, Schuluniformen anzulegen, ist Obacht geboten. Denn nicht immer sind nur lautere Motive im Spiel. Diese Kleidungsstücke dienen nicht zuletzt auch der erotischen Erbauung nämlicher Herren und diese sollte weiterhin privatwirtschaftlich finanziert werden und nicht durch den Steuerzahler.
Das entspricht nicht der abendländischen Tradition, außer in England, aber das ist eine Insel mit wenigen Leuten, wo es außer Schafen keine Ablenkung gibt.
Auch in Japan, einer Inselgruppe mit vielen Leuten, geht so was vielleicht, aber das ist eine Konsensgesellschaft, da geht so einiges.
Hierzulande gilt: Die Schule ist ein Ort des Lernens und des Herumbaggerns unter Gleichaltrigen, die schwülen Fantasien älterer Herren haben da nichts verloren.
Und wenn Herr Lemke, dem ich aber nichts unterstellen will in dieser Hinsicht, Freude an Schuluniformen haben sollte, dann kann er sie ja gerne in der Freizeit oder zur Arbeit anziehen. Angus Young tut das ja auch.


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