Was ist ein Literatur-Flugblatt

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Im Kapitalismus wird jedes Bedürfnis, das dafür geeignet erscheint, in eine Geschäftsgelegenheit verwandelt: Wohnen, Ernährung, Bildung, Unterhaltung, Sex, Fortbewegung, Erholung, Glaube usw. – es gibt fast keinen Bereich menschlichen Lebens, der vor dem Bereicherungsinteresse irgendeines findigen Unternehmers sicher wäre. Daraus resultiert der groteske Umstand, daß ein Bedürfnis nur dann befriedigt werden kann, wenn es einerseits dem Bereicherungsinteresse eines Unternehmers dienlich ist und andererseits genügend Geld auf Seiten des Konsumenten verfügbar ist, um dieses bedienen zu können. Soviel zum Wesen der sogen. „Konsumgesellschaft“.
Dieses Bereicherungsinteresse hinterläßt seine Spuren nicht nur im Bedürfnis, sondern auch in dem Gegenstand, der der Befriedigung des Bedürfnisses dient. Weil die Bereicherung nur klappt, wenn das jeweilige Produkt auch gewinnbringend losgeschlagen werden kann, wird mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden dafür gesorgt, daß die Konsumenten auch ja die richtigen, d.h. in klingende Münze sich auszahlenden Bedürfnisse entwickeln. In Verdrehung dieses Sachverhalts sprechen Moralisten deshalb auch gerne vom sogen. „Konsum-Terror“, dem die Konsumenten angeblich frönen, womit aber keineswegs eine Kritik am unternehmerischen Bereicherungsinteresse ausgedrückt sein will.
Die Literaturbranche ist von all dem nicht ausgenommen. Sie bedient einen Massengeschmack, dessen Inhalt sie nach Kräften formt und mitbestimmt („Bestseller“). Kommerziell ertragreiche Literatur wird heutzutage nach industriellen Maßstäben produziert und in Umlauf gebracht (man denke nur an den Aufwand, der um die äußerst lukrativen Harry Potter-Bücher betrieben wird). Autoren, die den Geschmack des breiten Publikums getroffen haben, nähren die Illusion von der Möglichkeit des literarischen Erfolgs und beflügeln dadurch Heerscharen von Schreiberlingen in ihrem Bemühen, es den wenigen w
irklich Erfolgreichen gleichzutun. Entsprechend umfangreich ist die Flut an Manuskripten, die tagtäglich über die Verlage hereinbricht.

Flugblatt-Literatur als Alternative
Flugblatt-Literatur entzieht sich dem Rummel, den Illusionen und den Zwängen des Buchmarktes. Sie sucht und ermöglicht den direkten Zugang zum Leser, und diesen erschließt sie sich ohne berechnende Hintergedanken. Flugblatt-Literatur unterläuft das auf Konkurrenz und Marktmacht beruhende Auslesesystem des Buchmarkts, indem sie dessen Zwänge schlichtweg ignoriert und stattdessen die Idee des freien Zugangs zum Leser in die Praxis umsetzt. Sie spekuliert weder auf finanziellen Ertrag noch auf illusorische Karrierephantasien, sondern macht den literarischen Inhalt zum Mittelpunkt ihres Anliegens, womit ein Scheitern am Markt und die damit einhergehenden Enttäuschungen von vornherein ausgeschlossen sind. Flugblatt-Literatur verweigert sich dem Test auf die ökonomische Verwertbarkeit des Geschriebenen und entgeht damit dem Opportunismus des Erfolgsstrebens. Es geht ihr ausschließlich um die literarische Botschaft im Zusammenhang eines eigenverantwortlichen und engagierten Handelns.
Flugblatt-Literatur nimmt sich die Freiheit, den etablierten Literaturbetrieb einfach links liegen zu lassen und sich ihren eigenen Erfolg ohne Zutun Dritter zu sichern. Denn erfolgreich ist Flugblatt-Literatur in dem, was sie bezweckt, auf jeden Fall: sie erreicht den Leser so oder so, sie wird wahrgenommen und mit großer Wahrscheinlichkeit auch gelesen - und dies selbst von Leuten, die ansonsten kein Buch in die Hand nehmen.
Das Literatur-Flugblatt ist zugegebenermaßen eine vielleicht etwas "antiquierte" Form, die Leute anzusprechen, denn wann bekommt man heutzutage noch ein Flugblatt in die Hand gedrückt? Vielleicht aber spricht gerade dieser Umstand für dieses Medium. Daß ein Flugblatt, würde es wahl- und hirnlos verteilt, leicht unter die "Füße" geraten würde, versteht sich von selbst. Doch dem kann durch intelligentes Verteilen und Auslegen vorgebeugt werden: Ein Literatur-Flugblatt an die Besucher einer Autorenlesung zu verteilen, hat sicherlich einen ganz anderen Effekt, als es den Besuchern eines Supermarktes in die Hand zu drücken, wobei selbst letzteres nicht ohne Reiz wäre. Denn gerade darin würde sich ein schon fast "sozialrevolutionär" zu nennendes Moment ausdrücken: "Literatur für die Massen"! Doch wer träumt heute noch diesen Traum? Oder besser: wer geht das Wagnis ein, diesen Traum nicht nur zu träumen, sondern auch in die Realität umzusetzen?
Gegen das Literatur-Flugblatt spricht einerseits, daß das Flugblatt etwas kurzlebiges an sich hat: man schreibt ja schließlich für die Ewigkeit und nicht für den verlängerten Augenblick. Andererseits sieht man sich am liebsten in Buchform gedruckt, selbst wenn das Buch am Schluß kaum einer liest. Das gedruckte und gebundene Buch kommt dem Wunsch nach persönlicher Verewigung doch schon ziemlich nahe (vorausgesetzt, es ist aus säurefreiem Papier hergestellt): hoch lebe die Illusion! Das Geschäft mit den Büchern wird, gemessen an der Zahl existierender Verlage, von einem relativ kleinen Kreis marktbeherrschender Großverlage gemacht. Der Rest bewegt sich im Bereich von Kleinstauflagen und hat Mühe, diese an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Für das Literatur-Flugblatt gibt es dieses Hindernis nicht!
Das Literatur-Flugblatt ist nichts für Couch-Potatoes. Es erfordert Mut und Engagement sowie ein Maß an sozialer Phantasie, das den meisten Leuten abhanden gekommen zu sein scheint. Das Literatur-Flugblatt ist etwas für Spieler, für Tänzer und Ver-Rückte, die vom alles durchwuchernden Kulturvermarktungs-Bürokratismus die Nase voll haben und das sichere und bekannte, aber einschränkende Gehege des Langweiligen und Gewohnten gegen die Freiheit der literarischen Wildbahn eintauschen wollen. Es paßt zweifellos nicht in eine Zeit des Stillstands, der Resignation und Regression, weil es die Erkenntnis in sich trägt, daß das notwendige Andere nur quer zum Bestehenden realisiert werden kann. Diese Gesellschaft will in dem stillen Einverständnis, das zwischen den Nutznießern und den Geschädigten der allgemeinen Geschäftemacherei vorherrscht, am liebsten ungestört bleiben. Das Literatur-Flugblatt eignet sich dafür, Inhalte zu transportieren, die dem Totalitarismus der Vermarktungslogik paroli bieten, indem es sich die Freiheit nimmt, den Leser außerhalb der ökonomischen Bereicherungs-Infrastruktur anzusprechen und darin ein Moment von Befreiung sichtbar zu machen, das heutzutage leider weitgehend verschüttet worden ist.

Wie kommt das Literatur-Flugblatt unters Volk?
Ganz einfach: Sie (die Autorin, der Autor) verteilen oder legen es überall dort aus, wo es Aufmerksamkeit erregt und von interessierten Leuten in die Hand genommen wird: in der S- und U-Bahn, in der Straßenbahn, im Bus, in Nah- und Fernzügen, auf der Parkbank, im Laden um die Ecke, in Briefkästen, Hausfluren, in der Kneipe, im Restaurant, in der Buchhandlung, in Schule und  Universität, in der Fußgängerzone, in der VHS usw. - kurz und gut: in allen dafür geeigneten öffentlichen Räumen. Ihrer Phantasie sind hierbei keinerlei Grenzen gesetzt.

Wir stellen Ihr Literatur-Flugblatt ins Internet
Sie verteilen Ihr Literatur-Flugblatt in Ihrer Umgebung, wir stellen es ins Internet. Damit erreichen Sie auch alle jene Interessenten, die über die Literatur-Flugblätter anderer Autorinnen und Autoren auf die ABRAXAS-Website und die darin veröffentlichten Literatur-Flugblätter aufmerksam geworden sind. So trägt jede/r Autor/in durch das Verbreiten des eigenen Literatur-Flugblatts dazu bei, daß sich ein gemeinschaftlicher medialer Raum öffnet, in dem die öffentliche Wahrnehmung letztlich allen zugute kommt: das Ganze ist in diesem Sinne mehr als die Summe seiner Einzelteile.

Das Literatur-Flugblatt ist ein Non-Profit-Projekt
Die Veröffentlichung von Literatur-Flugblättern dient nicht dem Gelderwerb. Sollte das Projekt einen hinreichenden öffentlichen Anklang finden, behält es sich die ABRAXAS-Redaktion vor, bereits erschienene Literatur-Flugblätter in Buchform zu veröffentlichen.

Welche Texte können im Literatur-Flugblatt veröffentlicht werden?
Grundsätzlich besteht eine Beschränkung hinsichtlich des auf einer oder zwei Flugblatt-Seiten unterzubringenden Textvolumens. Dem sollte auch inhaltlich Rechnung getragen werden, d.h. der Textinhalt sollte dieser Beschränkung angemessen sein. Möglich sind Kurzgeschichten, Kurzessays, Kritiken, Pamphlete, Minidramen, Aphorismen, Parabeln, Satiren, Grotesken, Humoresken, Sonette, Lyrik, experimentelle Texte u.ä. sowie auch Auszüge aus größeren Manuskripten, sofern der Inhalt des Auszugs dem beschränkten Umfang angemessen ist.
Zur Veröffentlichung gelangen inhaltlich und sprachlich gelungene Texte und bevorzugt solche, die sich unter Verwendung einer der oben genannten literarischen Formen kritisch mit dem Leben hierzulande und den darin vorherrschenden persönlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzen.

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