Die nachfolgenden
Zeilen versuchen - in aller gebotenen Kürze - einige Hinweise darauf zu geben,
was linke (hier im Sinne von erzählender, d.h. nicht-theoretischer) Literatur ist, nicht was sie
bewirken kann oder soll. Denn wenn es darum geht, eine linke Sichtweise auf
die Gesellschaft zu vermitteln, sind fundierte und
richtige sachliche Argumente immer noch die erste Wahl. Was nicht bedeutet, daß linke Erzählliteratur nicht auch richtige Einblicke in die gesellschaftliche und individuelle
Realität vermitteln sollte.
Im Kapitalismus dreht sich (fast) alles um die Wirtschaft. Deren Befindlichkeit
entscheidet über das Wohl und Wehe der gesamten Gesellschaft. In der kapitalistischen
Wirtschaft herrscht eine ganz besondere Sorte von gesellschaftlicher "Vernunft".
Nicht Versorgung der Gesellschaft mit allen notwendigen und das Leben erleichternden
Gütern ist Sinn und Zweck des Wirtschaftens, sondern "Gewinn": Produziert
wird nur, was sich auch rentiert. Gewinnorientierte Produktion wiederum macht
nur Sinn als Konkurrenzveranstaltung. Freie Unternehmer konkurrieren um knappe
Marktanteile, deshalb sehen sie sich genötigt, die Kosten der Produktion möglichst
gering zu halten. Das ist nicht gut für die Löhne der Beschäftigten, die dem
Unternehmer Anlaß zu fortgesetzter Rationalisierung und anderen Lohnsenkungsbestrebungen
sind. Ökonomische "Vernunft" dieser besonderen Art bringt ein ihr
eigenes Paradoxon hervor: Kapitalistische Produktion als Ort, an dem sowohl
Reichtum als auch Armut erzeugt werden. Erträge fließen in die Taschen der Unternehmer,
Löhne (für die Unternehmer Kosten) auf die Konten der Arbeitnehmer. Letztere
bestreiten davon ihren Lebensunterhalt, der anderen Unternehmern wiederum als
Geschäftsmöglichkeit dient.
Unternehmen wollen Geschäfte nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland
tätigen. Dies schafft einen Handlungsbedarf des Staates, der über seine Steuereinnahmen
selbst vom Gedeihen der innerhalb seiner Grenzen ansässigen Unternehmerschaft
abhängig ist. Es gilt deshalb politische und ökonomische Einflußsphären zu eröffnen,
zu sichern und auszuweiten. Weil es im Rest der Nationen derartige Interessenlagen
ebenfalls gibt - wenngleich auch mit unterschiedlichen Gewichten -, erwachsen
daraus fortwährend mehr oder weniger große Konfliktpotentiale. In Zeiten eines
global agierenden Kapitalismus lassen sich diesbezügliche Interessenlagen noch
im hinterletzten Erdenwinkel ausmachen. Die Mittel zu deren Bewältigung reichen
von diplomatischen Händeln bis zum Krieg.
Im Kapitalismus konkurrieren aber nicht nur die Unternehmer untereinander.
Nachdem es einen "Markt" auch für Arbeitsplätze gibt, dürfen sich
auch die Lohnarbeiter am Wettbewerb um das knappe Gut "Arbeit" beteiligen.
Damit sie sich als Konkurrenten bewähren lernen, durchlaufen sie zu Beginn ihrer
beruflichen "Karriere" ein schulisches Auswahlverfahren, welches die
individuelle Leistung mißt und die Streu vom Weizen trennt. Solchermaßen auf
Konkurrenz getrimmt, dürfen sich die Gewinner in diesem Auswahlverfahren das
Erreichte als Resultat eigener Leistungsbemühungen anrechnen, die Verlierer
andersherum ebenfalls.
Wo mehr oder weniger erfolgreiches Konkurrieren um - mit fiktiven Versprechen
auf Erfolg ausgestatteten - Chancen zum
alles entscheidenden Mittel beruflichen und individuellen Fortkommens erhoben
worden ist, übernehmen die damit verbundenen Verhaltensanforderungen die Regie
über die Wünsche, Erwartungen, Bedürfnisse, Ideale und Ängste des Einzelnen.
Die aus dem Konkurrenzzwang erwachsenden widersprüchlichen Verhaltensanforderungen
(individuelle Selbstbehauptung versus soziale Notwendigkeiten) sind ein Quell
nicht enden wollender Konflikte, die erst einmal bewältigt werden wollen. Die
Sphäre individueller "Freiheiten" gerät dadurch leicht zum Schlachtfeld
für konkurrenzbesessene Einzelkämpfernaturen, die zum Zweck der Durchsetzung
ihrer Interessen auf Kosten anderer sich aller nur denkbaren Methoden der Selbstinszenierung,
Selbstbehauptung und Selbstverwirklichung bedienen. Psychische und physische
Überforderung der in Lohn und Gehalt Stehenden, Ausschluß, Verarmung und Perspektivlosigkeit
der Arbeitslosen, Beziehungsunfähigkeit und Vereinsamung sind Erscheinungsformen
einer Existenzweise, die den Betroffenen jedoch keineswegs als aufgezwungen
erscheint. Die sogenannte "Leistungsgesellschaft" bedient sich der
Fiktion "Chancengleichheit", um Ungleichheit zu erzeugen, die von
den Betroffenen unbesehen hingenommen wird.
Ein umfangreicher ideologischer Apparat (Parteien, Verbände, Medien
aller Art, Glaube und Aberglaube, Ratgeberwesen usw.) sorgt dafür, daß sich
die Bürger auch ja die richtigen, d.h. erwünschten Gedanken über ihre Existenzbedingungen
machen. Angesichts drohender Krisen und Katastrophen (gesundheitlicher, klimatischer,
ökologischer und ökonomischer Natur) kommt der Interpretation öffentlich relevanter
Themen eine entscheidende Bedeutung zu: Konstruktive Kritik ist der allgemein
akzeptierte Modus, in dem sich die öffentliche Auseinandersetzung um gesellschaftsrelevante
Themen abspielt, alles andere wird ausgeschlossen und totgeschwiegen. Ausgeschlossen
werden die Bürger auch von Macht: In freien und gleichen Wahlen geben sie ihre
Stimmen (im wahrsten Sinne des Wortes) ab und ermächtigen Politiker ihres Vertrauens,
über sie zu bestimmen (populär ausgedrückt: zu regieren). Die dadurch hergestellte
Einflußlosigkeit gilt als Nonplusultra moderner Gesellschaftlichkeit und motiviert
die Bürger dazu, sich mit ihrer Machtlosigkeit positiv zu identifizieren. Heraus
kommt dabei: Moderner Nationalismus, der jedoch keinesfalls als solcher verstanden
werden will.
Linke Literatur reflektiert diese Zusammenhänge in den ihr zur Verfügung
stehenden literarischen Formen. Das Wissen über die Gesellschaft geht in die
Darstellung des jeweiligen literarischen Stoffes in Form einer den gesellschaftlichen
Schein durchdringenden Sichtweise ein. Linke Literatur entkleidet das gesellschaftliche
und individuelle Geschehen seiner angeblich unabänderbaren Sachzwangshaftigkeit.
Sie begreift das Handeln der Akteure und das, was mit ihnen geschieht, nicht
als Ausfluß quasi naturwüchsig gegebener gesellschaftlicher Um- und Zustände
oder ewiggültiger persönlicher Seinsdispositionen, die nicht be- und hinterfragt
werden können. Sie beschreibt das Handeln und Erleben der Akteure stattdessen
als mal mehr, mal weniger erfolgreiche Bemühungen, mit den ihnen aufgeherrschten
gesellschaftlichen und persönlichen Anforderungen und Zumutungen klarzukommen.
Der prinzipiellen Irrationalität des Konkurrenzsystems korrespondiert ein diesbezügliches
Verhalten auf Seiten der Teilnehmer dieser Veranstaltung. Was als persönliches
Freiheitsempfinden in die Köpfe der konkurrierenden Subjekte eingeprägt ist,
entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Resultat des sich an einem unverwüstlichen
Erfolgsideal abarbeitenden individuellen Behauptungs- und Durchsetzungswillens.
Der Zwang zum Erfolg bzw. die fortwährend gegebene Möglichkeit des Scheiterns
bringt jenen Stoff hervor, aus dem sowohl Träume als auch Albträume der Bürger
beschaffen sind. Statt sich darauf voyeuristisch, zynisch, schicksalsergeben
oder bestenfalls dokumentarisch zu beziehen, nimmt sich linke Literatur die
Freiheit, hinter die Kulissen zu blicken und das Geschehen von einem parteiischen
Standpunkt aus zu betrachten. Parteiisch deswegen, weil linke Literatur zwischen
Nutznießern und Geschädigten zu unterscheiden und für deren notwendige Existenz
plausible, aber inakzeptable Gründe anzuführen weiß.
Abseits von moralisierender Besserwisserei - auf den erhobenen Zeigefinger
kann sie getrost verzichten - bewegt sich linke Literatur dabei im Spannungsfeld
von sachlicher Distanziertheit und sezierender Nähe. Sie ist kein Ersatz für
theoretisch fundierte Kritik. Im Unterschied zu theoretischer Kritik, die sich
der Erklärung verallgemeinerbarer Sachverhalte widmet, erzählt linke Literatur
vom konkreten Leben in seinen vielfältigen Ausprägungen, in dessen sowohl individuellen
als auch gemeinschaftlichen Verläufen sich die gesellschaftlichen und politischen
Gegebenheiten Geltung verschaffen und ihre mehr oder weniger deutlichen Spuren
hinterlassen. Sie spürt diesen Spuren nach, verfolgt sie durch ihre ideologischen
Metamorphosen hindurch, d.h. identifiziert das Allgemeine im Besonderen und
versucht dessen Vermitteltheit erkennbar werden zu lassen. Linke Literatur ist
deshalb nie bloße Affirmation des Faktischen, sondern entfaltet ihre eigene,
kritische Sicht der Realität.
Persönliche Betroffenheit - ein beliebter und nahezu unerschöpflicher
Quell literarischer An- und Aufregungen - gerät im Licht der vorausgegangenen
Überlegungen dann auch nicht notwendigerweise zum unerklärlichen Jammertal oder
zur narzisstischen Selbstbespiegelung, sondern bietet vielmehr die Chance zu
gesellschaftsbezogener Selbstreflexion.
Linke Literatur nimmt sich sprachliche Freiheiten heraus, auf die theoretische
Kritik aus gutem Grund lieber verzichtet, und macht den Erzähler und dessen
sprachliche Fähigkeiten zum integralen Bestandteil des Erzählten. Sprachliche
Kreativität ist für linke Autoren jedoch nie Selbstzweck oder Ersatz für fehlendes
inhaltliches Vorstellungsvermögen, sondern willkommenes Mittel literarischen
Schaffens.