Franz Friedrich Kovacz
Im Sturmzentrum

Es herrscht eine allgemeine Großwetterlage, bei der es den einen oder anderen zartbesaiteten Literaten und Dichter urplötzlich von den Beinen reißen könnte. Dagegen stehen diese meist robusten, Kunstfürze produzierenden, darstellenden Künstlerinnen - oft gutsituiert verheiratet und schrecklich gelangweilt – noch immer auf festen Füßen, überzeugt von ihrer Mission, die gegenwärtige Kunstepoche bereichern zu können.
Weit draußen, vor der privatisierten Mülldeponie, hört man noch schwach die Stimme eines Hartz IV-Geschädigten im Sturm:,, Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, einem Straßenköder nimmt man nicht ungestraft seine letzten Knochenreste weg. Er könnte sich an den reinrassigen Luxuskötern furchtbar rächen. Und dann ist da noch der Beißreflex!"
Nachdem der Sturm ein wenig abgeflaut ist, taucht plötzlich eine bekannte, aber auch umstrittene Persönlichkeit auf. Von zahlreichen Sicherheitskräften umgeben schiebt er einen roten Sack auf Rollen vor sich her. Gefüllt ist der Sack mit herrlichen, in goldglänzendem Geschenkpapier verpackten, 1 €-Jobs. Mit großzügiger Hand verteilt der zwielichtige Heilsbringer gestenreich seine milden Gaben. Kurze Zeit danach verdrückt sich die imposante Erscheinung schnellstens in Richtung Osteuropa, dem Land des unsichtbaren Goldes und des gescheiterten Kommunismus. Man wird ihn wohl nie wieder in ähnlicher Funktion zu sehen bekommen.
Eine gutsituierte, oft schrecklich gelangweilte, autodidaktische Künstlerin bereitet gewissenhaft ihre erste öffentliche Ausstellung im örtlichen „Kunstgewölbe“ vor. Dabei geht ihr einer der 1€-Job-Beschenkten, ein Magister der Literaturwissenschaften bereitwillig zur Hand. Doch leider bereiten dem Wissenschaftler die von ihm aufzuhängenden Exponate körperliche, aber vor allen Dingen seelische Schmerzen. Aber auch er ahnt, was die Stunde geschlagen haben könnte, und lächelt hingebungsvoll, das Ziel einer Festanstellung in einem der letzten staatlichen Kunsthäusern nie aus den Augen verlierend, in Richtung der vermeintlichen Kunstepochenstürmerin.
Der Sturm wird wohl ein Dauerzustand bleiben. Zahlreiche abgemagerte Straßenköter jagen gutgenährten, reinrassigen Luxuskötern hinterher. Am anderen Ende der Stadt, seit Stunden Ort des Sturmzentrums, wird eine der letzten zartbesaiteten, hauchdünnen Dichterpersönlichkeiten urplötzlich von den Beinen gehoben. Er verschwindet laut klagend zwischen tiefliegenden, schwarzen Wolkengebilden. Als allerletzten Eindruck in seinem Dasein, das schon seit Monaten verwaiste Staatstheater, immer kleiner werdend.